Lateinschule

Heinrich Raspe, Schwager der 1235 heiliggesprochenen Elisabeth von Thüringen, ließ um 1230/40 am Rande der Eisenacher Innenstadt ein Kloster errichten, das er den Erfurter Dominikanern übergab. Anfang der 1240er Jahre wurde die schlichte gotische Hallenkirche Johannes dem Täufer und der Heiligen Elisabeth von Thüringen geweiht. Die Dominikaner unterhielten eine Lateinschule, die sich wachsenden Zuspruchs bei Standespersonen erfreute und somit zur Blüte des Klosters beitrug. Die Einführung der Reformation 1525 beendete die Zeit des Predigerordens in Eisenach. In der Folge dienten die Klostergebäude mitsamt der Kirche unterschiedlichsten Nutzungen. Seit 1899 ist in der ehemaligen Klosterkirche das Thüringen-Museum untergebracht.

Nach der Säkularisation zog in den Ostflügel des Klosters das städtische Zeughaus ein, danach dienten die Räume als Amtsgefängnis, bis Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar-Eisenach 1704 ein theologisches Seminar einrichten ließ, das er 1711 mit der Lateinschule zum Gymnasium illustre verschmolz. Im Südflügel zog 1544 die städtische Lateinschule zu St. Georgen ein, die 1498–1501 (am alten Standort am Marktplatz) Martin Luther besucht hatte. Die Lateinschule bestand neben der deutschen Volksschule und bereitete ihre Absolventen auf die Universität vor. Luthers Anweisungen folgend, organisierte sein Weggefährte Philipp Melanchthon die Eisenacher Lateinschule zu einer vierklassigen evangelischen Schule, der 1619 eine fünfte, 1658 eine sechste Klasse angegliedert wurde. In der Regel besuchten die Schüler zwei Jahre eine Klassenstufe, die meisten verließen im Lauf der Jahre die Schule und wählten bürgerliche Berufe, sodass die Absolventen der letzten Klassen die Minderheit bildeten. Die Söhne Johann Ambrosius und Johann Christoph Bachs besuchten die Lateinschule, darunter von 1693 bis Frühjahr 1695 auch Johann Sebastian Bach. Rektor war zwischen 1656 und 1697 Heinrich Borstelmann.

Die 1711 zum Gymnasium erhobene Lateinschule erfährt 1840 eine Neuorganisation und erhält den Namen des regierenden Großherzogs Carl Friedrich von Sachsen-Weimar. Über dem gotischen Portal erinnert heute eine Inschrift daran, dass dessen Nachfolger Carl Alexander die Lücke zwischen Ost- und Südflügel schließen ließ; damals entstand die Statue des Reformators Martin Luther in der Südfassade. Die DDR-Regierung löst 1960 die mittlerweise „Luther-Oberschule“ umbenannte Einrichtung auf. 1994 als „Martin-Luther-Gymnasium“ in Trägerschaft der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen neu gegründet, befindet sich die Schule nunmehr wieder im angestammten, für den modernen Schulbetrieb um- und ausgebauten Gebäude. Seitlich des historischen Portals erinnern Plaketten an die bekannten Schüler Luther und Bach.

Bildnachweis: Dr. Markus Zepf (Bach-Archiv Leipzig, Juni 2019)