Eine weitere Wohnung Bachs soll in der heutigen Wallstraße 26 gelegen haben. Im Februar 1719 beschloss Fürst Leopold, die Stadt Köthen nach Westen zu erweitern. Außerhalb der Stadtmauer verlief der von Gärten gesäumte Verbindungsweg zwischen Hallescher und Magdeburger Vorstadt, den er zur ringförmig angelegten Wallstraße mit ihrem charakteristischen Knick, Bachplatz und Schulstraße ausbauen ließ. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Beschlusses begannen die Bauarbeiten. Dem fürstlichen Willen folgend, blieben die neuen Grundstücke steuerfrei, bis alles bebaut war. Allerdings war dies nicht mit dem Stadtrat abgestimmt, was zu anhaltenden Verstimmungen zwischen Stadt und Fürst führten, die erst Fürst Leopolds Nachfolger, Fürst August Ludwig, 1730 beilegen konnte. Er verfügte, dass fortan die Gebäude nur die ersten drei Jahre steuerfrei waren. Trotz der Steuervorteile zog die Bebauung der Wallstraße bis etwa 1760 hin. Das heutige Aussehen prägt die klassizistische Überformung, namentlich der ehemaligen Gold- und Silberfabrik des Markus von Schnurbein in der Wallstraße 27, das um 1830 zu einem spätklassizistischen Gebäude mit markantem Mittelrisalit und antikisierendem Giebel umgebaut wurde.

In der Wallstraße besaß der Köthener Krämer Johann Andreas Lautsch einen Garten, den er nach 1719 mit geräumigen zweigeschossigen Gebäuden bebaute. Während Ernst Haetge und Marie-Luise Harksen im 1943 veröffentlichten Band 2.1 der Kunstdenkmale des Landes Anhalt noch davon ausgingen, dass dieses Gebäude bereits 1712 erbaut und zunächst von Bachs Vorgänger Reinhard Stricker, zwischen 1717 und 1723 dann von Bach selbst mutmaßlich bewohnt worden war, interpretierte Ernst König im Bach-Jahrbuch 1957 die erhaltenen Unterlagen vorsichtiger. Er ging davon aus, dass das Gebäude erst 1729 zur Erbhuldigung Fürst August Ludwigs bewohnt war. Da die Hofkammer auch weiterhin Bach den Mietzins für das Probenlokal der Hofkapelle bezahlte, wird entweder seine (zweite) Wohnung hierfür geräumig genug gewesen sein oder die Proben fanden noch immer in der Schalaunischen Straße 44 statt.

Ob die Familie Bach tatsächlich in der Wallstraße 26 lebte, wie die beiden aus verschiedenen Zeiten stammenden Plaketten an der Hauswand nahelegen, ist weiterhin eine offene Frage.

Bildnachweis: Dr. Markus Zepf (Bach-Archiv Leipzig, Februar 2019)