Eine weitere Wohnung Bachs soll in der heutigen Wallstraße 26 gelegen haben. Fürst Leopold beschloss im Februar 1719 die Stadt nach Westen zu erweitern. Außerhalb der Stadtmauer verlief der von Gärten gesäumte Verbindungsweg zwischen Hallescher und Magdeburger Vorstadt – hier entstanden die ringförmig angelegte Wallstraße mit ihrem charakteristischen Knick, Bachplatz und Schulstraße. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Beschlusses begannen die Bauarbeiten. Dem fürstlichen Beschluss folgend, blieben die neuen Grundstücke steuerfrei, bis alles bebaut war. Dies war jedoch nicht mit dem Stadtrat abgestimmt, weshalb anhaltende Verstimmungen zwischen Stadt und Fürst erst durch Leopolds Nachfolger, Fürst August Ludwig, 1730 beigelegt wurden. Er verfügte, dass fortan die Gebäude nur die ersten drei Jahre steuerfrei waren.

Der Köthener Krämer Johann Andreas Lautsch besaß in der neuen Wallstraße einen Garten, den er nach 1719 mit geräumigen zweigeschossigen Gebäuden bebaute. Ernst König ging im Bach-Jahrbuch 1957 davon aus, dass das Gebäude nicht 1721, sondern erst 1729 zur Erbhuldigung Fürst August Ludwigs bewohnt war. Da die Hofkammer auch weiterhin Bach den Mietzins für das Probenlokal der Hofkapelle bezahlten, wird entweder seine (zweite) Wohnung hierfür geräumig genug gewesen sein oder die Proben fanden noch immer in der Schalaunischen Straße 44 statt.

Ob die Familie Bach tatsächlich in der Wallstraße 26 lebte, wie die beiden aus verschiedenen Zeiten stammenden Plaketten an der Hauswand nahelegen, ist weiterhin eine offene Frage.

Bildnachweis: Dr. Markus Zepf (Bach-Archiv Leipzig, Februar 2019)