Johanniskirche

Vor den Toren der Stadt Leipzig entstand um 1280 das Johannishospital, dessen Kirche erstmals 1305 erwähnt ist. Das kleine Gotteshaus erlitt 1547 bei der Belagerung der Stadt schwere Schäden und wurde erst 1582–84 durch Ratsmaurermeister Gregor Richter (vermutlich unter Mitarbeit von Zimmermann Hieronymus Freiberger) als lutherische Predigt- und Friedhofskirche neu erbaut. Bis 1883 war die Kirche von einem mehrfach erweiterten Friedhof umgeben, auf dem auch Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach bestattet wurden. Mittig an der Südwand der Saalkirche hing die 1586 vom Bildhauer Valentin Silbermann geschaffene Kanzel, die beim Abbruch der Kirche 1894 ins Stadtgeschichtliche Museum kam. Einen um 1520 gefertigten Schnitzaltar der Nikolaikirche arbeitete Silbermann 1607 für die Johanniskirche um, den er im Stil der Spätrenaissance staffierte. Die Schnitztafeln sind in der Südkapelle der Nikolaikirche erhalten. Schließlich erhielt die schlichte Kirche 1746–49 durch Ratsbaumeister George Werner einen barocken Kirchturm, der in der Sichtachse vom Augustusplatz einen städtebaulichen Akzent setzte.

Bildnachweis Graphik: Bach-Archiv Leipzig
Bildnachweis Innenaufnahme: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (Sammlung Hermann Walter)
Bildnachweis Orgelspieltisch: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2019)

Seit 1623 bestellten Thomasschüler an hohen Festtagen die Figuralmusik in der Johanniskirche, wofür die Schüler regelmäßige Kuchen, Pfannkuchen, Martins-Hörnchen sowie Christstollen erhielten (Glöckner, Dokumente zum Thomaskantorat, VIII/C 7 und C 8). Die Johanniskirche war Bach durchaus vertraut, als Universitätsorgelbauer Johann Scheibe 1742 eine neue Orgel mit 22 Registern auf zwei Manualen und Pedal baute, für die er Pfeifen der zwei Jahre zuvor abgebauten kleinen Orgel der Thomaskirche verwendete. Bachs einstiger Schüler Johann Friedrich Agricola berichtet in einer Anmerkung zu Jacob Adlungs postum veröffentlichter Musica Mechanica Organoedi, Berlin 1768 (Teil 1, S. 251): Die „Orgel zu St. Johannis ist nach der strengsten Untersuchung, die vielleicht jemals über eine Orgel ergangen ist von dem Hern. C[apell]. M[eister]. Joh. Seb. Bach, und dem Hrn. Zacharias Hildebrand für untadelhaft erkannt worden.“ Im Zuge des Kirchenneubaus wurde das mehrfach umgebaute Instrument 1894 abgebrochen und eingelagert. 1900 erwarb der Leipziger Verleger, Musiker und Sammler alter Musikinstrumente, Paul de Wit, die Orgel für sein Museum im Bosehaus. Er ließ die im 19. Jahrhundert erneuerte Spielanlage mit Gehäuseteilen zu einem Orgelspieltisch vereinen, der mit der Orgelbank zur „Bach-Reliquie“ seiner Sammlung wurde. Im Zweiten Weltkrieg erlitt der Spieltisch Beschädigungen und büßte seine Manualklaviaturen ein. Schließlich gelang es Christoph Wolff (2001–2013 Direktor des Bach-Archivs Leipzig), den Spieltisch mithilfe von Spenden ausstellungsfähig restaurieren und ergänzen zu lassen, sodass er seit 2010 als Dauerleihgabe des Musikinstrumenten-Museums der Universität Leipzig im Bach-Museum zu sehen ist.

Mit der Bildung der selbständigen Johannisgemeinde aus Teilen von Nikolai-, Thomas- und Petersparochie 1891 war die Johanniskirche zu klein geworden. Am 22. Juli 1894 fand der letzte Gottesdienst in der alten Kirche statt, die mit Ausnahme des Turms abgebrochen und nach Plänen von Hugo Licht bis 1897 als neubarocke Saalkirche wiedererstand. Vor dem Abbruch setzte im Oktober 1894 die Suche nach Johann Sebastian Bachs Grab ein. Für die damals geborgenen Knochen sowie die Überreste des Dichters Christian Fürchtegott Gellert entstand vor den Chorstufen der neuen Johanniskirche eine Gruft mit zwei Schausärgen. Das Kirchenschiff brannte nach einem alliierten Luftangriff am 2. Dezember 1943 aus, ein weiterer Angriff zerstörte am 20. Februar 1944 große Teile des Mauerwerks – der Turm blieb jedoch erhalten. Die Ruine war bis 1949 abgetragen und der Turm schrittweis ein den folgenden Jahren instandgesetzt. Dennoch ließ ihn das SED-Regime am 9. Mai 1963 gegen die Proteste von Bürgerschaft und Denkmalpflege sprengen. Die 1912 von Johannes Hartmann für das Westportal geschaffenen Sandsteinfiguren von Mose, Johannes dem Täufer und Petrus waren vor der Sprengung geborgen worden, sind aber später bei Erdarbeiten im Hof des Grassi-Museums zerstört wurden. Die Fläche ist heute als Rasen mit Kirschbäumen bepflanzt. Auf Initiative des Fördervereins „Johanniskirchturm e.V.“ markieren ein Rechteck im Rasen die Umrisse der ehemaligen Bach-Gellert-Gruft, ein Kreis die Position des sogenannten Bach-Grabes. Ein Holzkreuz erinnert an den barocken Kirchturm und seine Zerstörung 1968. Im Vorfeld des Reformationsjahrs hat die Stadt Leipzig am Rande der Rasenfläche 2016 gegossene Bronzeplatten mit Informationen zur Geschichte von Johanniskirche und Spital, des Friedhofs sowie der Grabstätten Bachs und Gellerts anbringen lassen.

Bildnachweis Fotografie 1893: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Bildnachweis Fotografie neue Johanniskirche mit Reformationsdenkmal: Atelier Hermann Walter - Stadtarchiv Leipzig
Bildnachweis heutiger Zustand: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)