Kirche St. Nikolai

Im Südosten der Leipziger Innenstadt entstand vermutlich im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts – mit Unterstützung durch Markgraf Otto – eine kreuzförmige Basilika. Obwohl St. Nikolai mitsamt den Besitzungen seit 1213 dem neugegründeten Stift der Augustiner-Chorherren zu St. Thomas unterstellt war, war die Nikolaikirche für die Leipziger Bevölkerung „ihre“ Kirche, weshalb die musikalisch vom Thomaskantor gestalteten Festgottesdienste zur Ratswahl hier begangen wurden. Die aus einem quadratischen Grundriss zu einem Achteck wechselnden Türme prägen mit dem erhöhten Mittelturm die markante Westfassade. Der Mittelturm erhielt in der zweiten Hälfte der 1550er Jahre den Aufbau mit der Türmerwohnung, bekrönt durch eine flache Haube mit kleiner Laterne, in der die „Seigerschelle“ genannte Schlagglocke hängt. Für die 1730–32 ausgeführte heutige Laternenform des bis zur Spitze 75 Meter hohen Turms orientierte sich Ratsbaumeister Johann Michael Senckeisen (zugleich Obervogt der Nikolaikirche) an George Bährs Entwurf der Laterne für die Dresdner Frauenkirche.

Für das heutige Kirchenschiff erfolgte am 28. März 1513 die Grundsteinlegung, am 31. Mai 1525 weihte Adolf Fürst von Anhalt und Graf von Askanien, Bischof von Merseburg, das Gotteshaus. Über den Kirchenraum verteilt standen 24 Seitenaltäre, die nach Einführung der Reformation 1539 weitgehend entfernt wurden. An der nördlichen Westwand ließ der Rat Mitte des 16. Jahrhunderts eine Ratsloge und darüber den Fürstenstuhl einbauen, den Schnitzfiguren des Heiligen Nikolaus, Moses mit den Gesetzestafeln sowie des Heiligen Salvator zierten. An der südlichen Westwand entstand 1597–99 auf einer eigenen Empore die neue Orgel durch Johann Lange aus Kamenz, deren reichverziertes Gehäuse 1627 verändert wurde. In der Mitte kragte der Schülerchor ins Mittelschiff aus, von dem aus Johann Sebastian Bach die Figuralmusik leitete. Hier stand ebenfalls ein Cembalo zur Verfügung, das zunächst Bach instand hielt, die Pflege aber 1734–1739 dem Orgelmacher Zacharias Hildebrandt, anschließend Johann Gottlieb Neuhaus und ab 1744 Christian Gottfried Eichler übertragen ließ (Dok II, Nr. 161). Wie in der Thomaskirche gab es auch auf dem Schülerchor der Nikolaikirche abschließbare Schränke für die städtischen Musikinstrumente. 1739/40 erneuerte Friedrich Knoff mit seinem Gesellen die Podeste des Schülerchors, die „zu aufführung der Music erfordert worden“ (Glöckner, Dokumente zum Thomaskantorat, VIII/C80).

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)

Im rund 17 Meter hohen Chorraum hatte der Bildhauer Valentin Silbermann 1604 einen viergeschossigen Altar mit der Darstellung des Heiligen Abendmahls in der Predella sowie der Auferstehung Christi im Mittelfeld geschaffen, der 1785 auf einer Pinselzeichnung von Carl Benjamin Schwarz zu erkennen ist. Zwischen 1662 und 1680 erhielt der Kirchenraum einen neuen Innenanstrich in Grau- und Weißtönen, die Säulenkanten und Gewölberippen wurden mit aufsteigenden Palmblättern betont, an den Gewölberippen von einem spiralförmigen Band umschlungen. Die östlichen Stirnseiten der Seitenschiffe erhielten perspektivische Architekturmalereien von Christoph Spetner nach Vorlagen Gregorius Pinckerts aus Dresden. Wie in der Thomaskirche entstanden auch hier ab 1662 an der Nordwand dreigeschossige, ab 1706 an der Südwand zweigeschossige Familienkapellen, die die Belichtung des Kirchenraums nachhaltig veränderten. In dieser Form lernte Johann Sebastian Bach 1723 die Nikolaikirche kennen.

Der 1716 ins Amt gelangte Thomasküster Johann Christoph Rost notierte in seinem liturgischen Notizbuch: „Anno 1723. ward zum ersten mahl die Vesper zu St: Nicolai gehalten, die Predigt hielte der Herr Superintend. Herr D[octor]. Deyling. welche Fr. Koppin gestifftet. / Anno 1724. wurde die Passion [von dem Cantor] zu St. Nic. zum ersten mahl Musiciret, etc. zu St. Thom. aber wurden nur Lieder gesungen wie vor diesem gebräuchlich.“ (Dok. II, Nr. 180) Die figural musizierten Passionen wurden fortan im jährlichen Wechsel zwischen den beiden Hauptkirchen musiziert; aufgrund der Landestrauer auf den Tod des Kurfürsten Friedrich August I. entfiel 1733 die Passionsmusik, sodass sie im folgenden Jahr in St. Thomas erklang. 1724 führte Johann Sebastian Bach hier erstmals seine Johannes-Passion BWV 245 und am Weihnachtstag 1734 die erste Kantate des Weihnachts-Oratoriums BWV 248/I auf. Seit 1541 gab es an der Nikolaikirche fünf Geistliche, nämlich den ersten Pfarrer, der zugleich Mitglied des Konsistoriums war, Archidiakon, Diakon und Subdiakon, Sonnabendprediger sowie Organist und Küster.

Bildnachweis Graphiken: Stadtarchiv Leipzig / wikisource
Bildnachweis Fotografie: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Die Gottesdienste in der Nikolaikirche waren gut besucht, der Raum wurde knapp. Kirchenvogt Johann Michael Senckeisen ließ 1735 eine zweigeschossige Empore in den Chorraum einziehen. Die heutige Gestaltung des Kirchenraums geht auf eine umfassende Erneuerung in den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts zurück, die 1784 Johann Friedrich Carl Dauthe im Auftrag des Rats plante. Die Seitenemporen erhielten neue Holzstützen und eine Verbindung zur neuen Orgelempore vor der Westwand, die spätgotischen Achtecksäulen verschwanden hinter kannelierten Stuckmänteln, die Kapitelle erhielten stuckierte aufstrebende Palmblätter, die sich im Gewölbe mit Palmzweigen und Rosetten fortsetzen. An der Nordseite des Chorbogens entstand eine schlichte neue Kanzel, die spätgotische Kanzel wurde eingelagert und ist heute in der Südkapelle aufgestellt. Im Chorraum entstand ein neuer Marmoraltar mit einem Gemälde von Adam Friedrich Oeser (dessen Grabstein an der nördlichen Außenseite des Chorraums erhalten ist), schließlich wurden die gotischen Spitzbogenfenster zu Rundbogenfenstern erweitert. Auf der ins Mittelschiff vorgezogenen Orgelempore baute 1859–62 Friedrich Ladegast aus Weißenfels eine neue Orgel, mit der die Umgestaltung ihren Abschluss fand. Nachdem 1901/02 die Familienkapellen abgebrochen waren, konnten die Fenster im Kirchenschiff um rund zwei Meter verlängert werden, wodurch ein freundlicher, heller Raum entstand.

1982 fanden erstmals in der Nikolaikirche Montagsgebete statt, die vor allem im Spätjahr 1989 wachsenden Zuspruch erfuhren und zur Keimzelle der Montagsdemonstrationen für Demokratie, freie Wahlen und Reisefreiheit in der DDR sowie für die Einheit Deutschlands auf Leipzigs Straßen im Innenstadtring wurden. Nach dem Vorbild der Dauthe’schen Säulen im Innern der Nikolaikirche schuf 1999 der Künstler Andreas Stötzner für den nördlichen Nikolaikirchhof die Friedenssäule zur Erinnerung an die Montagsdemonstrationen und die Friedliche Revolution von 1989.

Bildnachweis Friedenssäule: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)
Bildnachweis Innenaufnahme 2011: wikimedia
Bildnachweis Innenaufnahme 2012: wikimedia