Joseph Spieß gehörte seit März 1710 der Berliner Hofkapelle des Königs Friedrich I. in Preußen an. Prinz Leopold von Anhalt-Köthen dürfte ihn während seiner Ausbildung auf der Ritterakademie in Berlin im Rahmen einer Hofmusik kennengelernt haben. Nach dem Tod des Königs reduzierte dessen Nachfolger, König Friedrich Wilhelm I. (der "Soldatenkönig"), den Hofstaat und entließ 1713 die meisten Hofmusiker. Auf Bitten ihres Sohnes verpflichtete Fürstin Gisela Agnes von Anhalt-Köthen zunächst fünf der entlassenen Musiker für Köthen, nämlich Joseph Spieß als "Premier Cammer Musicus" sowie den Oboisten Johann Ludwig Rose, den Fagottisten Johann Christoph Torlée, den Violoncellisten Christian Bernhard Linigke und den Geiger Martin Friedrich Marcus.

Während Bachs Köthener Zeit wohnte die Familie Spieß bei Fleischer August Samuel Schreiber im Haus Marktstraße neben der Alten Apotheke zur Miete; im Jahr 1729 ist die Familie Spieß in der heutigen Schulstraße 20 nachweisbar, kaum 100 Meter vom Wohnhaus Wallstraße 26 und dem Bachplatz entfernt. Wie lange Joseph Spieß und seine Familie dort wohnten, ist unklar.

Joseph Spieß war wie die Familie Bach lutherischer Konfession; er wurde am 2. Juli 1730 auf Köthens lutherischem Friedhof bestattet. Die Cammer-Rechnungen notieren mehrfach Zahlungen an Spieß für Streichinstrumente und Zubehör. Im Bach-Jahrbuch 1959 teilte Ernst König mit, dass Spieß im November 1728 von Bach den Auftrag erhalten hatte, "Stücke der Trauermusik für den verstorbenen Fürsten Leopold zu copieren, in Kupfer zu stechen und einzubringen. Er erhielt für diese Arbeit vier Taler 18 gr." Zwischen Konzertmeister Spieß und Kapellmeister Bach scheinen freundschaftliche Bande bestanden zu haben, denn am 11. August 1728 ist "Herr Johann Sebastian Bach, fürstlicher Capellmeister" als Pate bei Spießens Sohn Leopold genannt (Dok. II, Nr. 244).

Bildnachweis: Dr. Markus Zepf (Bach-Archiv Leipzig, Februar/April 2019)