Georgenkirche

Den Marktplatz im Herzen der Stadt Eisenach begrenzt im Süden die Georgenkirche. Die dreischiffige Hallenkirche wurde angeblich 1181 von Landgraf Ludwig III. in Auftrag gegeben und dem Heiligen Georg, dem Stadtpatron, geweiht. Der Überlieferung zufolge wurden hier 1221 Landgraf Ludwig IV. und die ungarische Königstochter Elisabeth getraut (Heilige Elisabeth von Thüringen). Teile der Kirche scheinen 1515 wegen Baufälligkeit abgebrochen und neu errichtet worden zu sein. Aus dieser Zeit ist der 1503 datierte Taufstein erhalten, an dem Johann Sebastian Bach am 23. März 1685 (alter Zeitrechnung) durch Magister Johann Christoph Zerbst die Taufe empfing. In der Georgenkirche predigte während der Reformation Martin Luther, der einst in Eisenach die Lateinschule besucht hatte.

Im sogenannten Pfaffensturm 1525 erlitt die Georgenkirche starke Schäden, die erst ab 1558 behoben wurden. Nord- und Südseite des Langhauses erhielten 1560 zwei Emporen nach Plänen von Hans Leonhard. Die Balustrade der unteren steinernen Empore mit ihrem Kreuzgratgewölbe zieren Prophetenbildnisse und rahmende Bibelsprüche, darüber erhebt sich eine hölzerne Empore. 1672 kam eine dritte, mit Bogenfeldern zum Mittelschiff abschließende Empore hinzu. Eine 1717 zugefügte vierte Empore wurde 1898 wieder entfernt. Im Westen trägt die dritte Empore die 1982 von der Firma Alexander Schuke (Potsdam) erbaute Orgel. Die turmlose Kirche wurde 1561 als Predigtkirche eingeweiht. Das Gotteshaus war im Norden von der Kanzlei und einem Wachhaus begrenzt, an der Südseite entstand 1562 ein gedeckter Gang zum alten Stadtschloss; zwischen 1672 und 1741 diente die Stadtkirche St. Georgen zugleich als Schlosskirche.

Um den schlichten Kreuzaltar von etwa 1500 im Zentrum des Chorraums gruppieren sich Grabsteine der Thüringer Landgrafen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Zur Erinnerung an die Reformation stiftete Herzog Johann Ernst 1618 ein allegorisches Gemälde, das die Kurfürsten Friedrich den Weisen und Johann den Beständigen beim Empfang des Heiligen Abendmahls zeigt. Zusammen mit einem aus dem Herrenchor der evangelischen Johanniskirche Schweinfurt kopierten Gemälde zur Übergabe der Augsburger Konfession an Kaiser Karl V. befindet es sich in reicher architektonischer Rahmung an der Nordwand des Chorraums. Gegenüber dieser prächtigen Darstellung, der sich am Triumphbogen die reich verzierte Kanzel aus dem Jahr 1676 anschließt, entstand 1717 (über dem südlichen Anbau von 1515) eine zweigeschossige Herzogsloge. An das Wirken Georg Philipp Telemanns als Konzertmeister und Kantor zwischen 1706 und 1712 erinnert in der Turmvorhalle eine Messingplakette.

Die Beziehungen der Familie Bach zu dieser Kirche sind vielfältig. Am achteckigen Taufstein, am Sockel mit den Zahlen "1503" versehen, wurde Johann Sebastian Bach am 23. März 1685 getauft. Sein Vater Johann Ambrosius Bach wirkte hier mit seinen Gesellen von 1671 bis zu seinem Tod im März 1695 bei der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste mit. Beeindruckt von der musikalischen Leistung des neuen Stadtmusikers notierte der Hof- und Stadtzimmermann Georg Dressel in seiner Chronik: "1672 hat der neue Hausmann auf Ostern mit Orgel, Geigen, Singen und Trompeten und mit heerpauken dreingeschlagen, daß noch kein Kantor oder Hausmann, weil Eisenach getanden, nicht geschehen [...]". Johann Sebastian sang als Lateinschüler unter Stadtkantor Andreas Dedekind unter anderem aus jenen Chorbüchern, die schon dem jungen Martin Luther als Eisenacher Lateinschüler zur Verfügung standen. Mit Johann Christoph Bach (ältester Sohn des Arnstädter Stadtorganisten Heinrich Bach) amtierte schließlich von 1665 bis zu seinem Tod 1703 ein Verwandter des Stadtmusikers als Organist an der Georgenkirche. Mit viel Engagement setzte er einen Orgelneubau durch Georg Stertzing aus Ohrdruf ab 1697 durch, dessen Vollendung 1707 der "profunde Componist" aber nicht mehr erlebte. Das Gehäuse erhielt erst 1719 seine Verzierungen und ist in veränderter Form mit einem 1982 eingeweihten Orgelwerk der Orgelbaufirma Alexander Schuke (Potsdam) erhalten.

Vor der Kirche stand zwischen 1884 und 1938 das von Adolf Donndorf geschaffene Bach-Denkmal, für dessen Finanzierung sich führende Musiker wie Clara Schumann, Joseph Joachim und Franz Liszt eingesetzt hatten. Im Zuge einer Umgestaltung des Frauenplans zog das Standbild 1935 vor das Bachhaus. Als Ersatz für die Georgenkirche schuf der Berliner Bildhauer Paul Birr 1939 ein neues Bach-Denkmal auf der Grundlage eines zweifelhaften Porträts, das Fritz Volbach um 1900 aufgefunden und 1903 als angebliches Altersbildnis publik gemacht hatte. Inzwischen hat es seinen Standort in der Turmhalle gefunden. Dort erinnert über der Kirchenpforte eine geschnitzte und farbig gefasste Wappenkartusche an den berühmten Sohn der Stadt: "Joh. Seb. Bach wurde am 23. März 1685 in dieser Kirche getauft. Gestiftet vom Bachchor und vom Kirchenchor zu St. Georg im 10. Jahre ihres Bestehens 1935".

Die heutige Ansicht der Kirche prägen maßgeblich die 1898–1902 durchgeführten Arbeiten. Die sogenannten Beichtkapellen an der Außenseite wurden abgetragen, im Innern drei neue Emporen errichtet, die Fenster vergrößert und die Fenster im Chorraum farbig neu verglast. Nach Plänen von Otto March erhielt die Kirche den 62 Meter hohen Kirchturm mit neobarocker Haube an der Nordwest-Ecke sowie einen neuen Westgiebel mit deutlichen Jugendstil-Anklängen. Bis dahin befand sich ein separater Glockenturm in der Domstraße.

Bildnachweis: Graphik Bachhaus Eisenach
Fotos: Dr. Markus Zepf (Bach-Archiv Leipzig, Juni 2019)