Arnstadt – Organist an der Neuen Kirche in der Stadt der Bache

Arnstadt aus der Vogelperspektive mit Blick nach Westen. Kupferstich von Pius Rösel, um 1705, nach einem Ölgemälde von Wolf Kelner, um 1580.
Vorlage: Schlossmuseum Arnstadt

Arnstadt gilt als ältester Ort des heutigen Bundeslandes Thüringens. Der Musiker Caspar Bach ließ sich 1620 hier nieder, in den Folgejahren entwickelte sich die beschauliche Stadt zu einem Zentrum der Bach-Familie. Johann Sebastian Bach wirkte von August 1703 bis Juli 1707 hier als Organist der Neuen Kirche.

Seit dem späten Mittelalter gehörte Arnstadt zur Herrschaft der Grafen von Schwarzburg. Graf Anton Günther II. (seit 1697 Fürst) erhob 1681 Arnstadt zu seiner Residenz. Die in Schloss Neideck untergebrachten Sammlungen waren überregional bekannt, ebenso die prächtige Linde mit ihren drei hölzernen (Tanz-)Böden vor dem Schloss. Eine Stadtmauer mit zahlreichen Wachtürmen und vier Toren umgab die Stadt, deren mittelalterlicher Grundriss bis heute erkennbar ist.

Am 7. August 1581 brach bei Bauarbeiten am Marktplatz ein Feuer aus, das sich wegen großer Trockenheit rasch über die Strohdächer der Stadt ausbreiten konnte. Der Stadtbrand zerstörte 378 Häuser samt Scheunen und Ställen, Rathaus, Bonifatiuskirche, Schulhaus und Apotheke. Zum Ende des Dreißigjährigen Krieges zeigt Caspar Merians Kupferstich die Stadt von Norden, allerdings mit dem hohen Turm der 1581 zerstörten Bonifatiuskirche. Wir sehen von links Schloss Neideck, rechts Türme der Stadtmauer; Bildmitte die Oberkirche, rechts daneben das Rathaus mit seinen Doppeltürmen, Bonifatiuskirche und rechts außen die Liebfrauenkirche). Die jüngere Vogelperspektive von Pius Rösel entstand um 1705, zeigt aber die Stadt vor dem Brand von 1581. Rösels Vorlage war ein Ölgemälde Wolf Kelners, das heute das Schlossmuseum Arnstadt verwahrt.

Die Ackerbürgerstadt Arnstadt zählte um 1700 etwa 3.800 Einwohner, die sich überwiegend von Handwerk und Landwirtschaft ernährten. Besondere wirtschaftliche Bedeutung kam den zahlreichen Mühlen und Brauhöfen zu – nach 1700 besaß Arnstadt über 130 Gebäude mit Braugerechtigkeit. Vor allem das obergärige Weizenbier gilt seit 1617 als Arnstädter Spezialität.

Köthen– Hofkapellmeister

Anfang August 1717 trat Bach formal seinen Dienst als Hofkapellmeister bei Fürst Leopold von Anhalt-Köthen an, doch erst am 29. Dezember 1717 verbuchte die Hofkammer die erste Zahlung an den "Neuangenommenen CapellMeister Johann Sebastian Bachen". Bis er mit seiner Familie die Residenz im Mai 1723 in Richtung Leipzig wieder verließ, entstand in der Anhaltischen Residenz ein beachtliches kammermusikalisches Werk.

Weimar – Hoforganist und Konzertmeister

Schon in frühchristlicher Zeit ist die Gegend um Weimar besiedelt. Die Nebenresidenz der sächsischen Kurfürsten ist von einer Mauer mit zehn Mauertürmen umschlossen und wird in Folge des Schmalkaldischen Kriegs zur Residenz: Kurfürst Johann Friedrich („der Großmütige“) verliert die Kurwürde, gerät in kaiserliche Gefangenschaft und wird zum Tode verurteilt. In der Gefangenschaft bestimmt er 1547 Weimar als neue Residenz, wohin zunächst seine Gattin und die drei Söhne übersiedeln. Nach seiner Begnadigung und Haftentlassung wird Weimar ab 1552 zum politischen Zentrum seines stark verkleinerten Herzogtums. Er bindet den Maler Lucas Cranach an seinen Hof, dessen Wohnhaus am Markt erhalten ist. Bis ins 18. Jahrhundert sind die Straßen und Gassen der Ackerbürgerstadt unbefestigt, viele Bürgerhäuser eingeschossig, von einfacher Bauart und mit Stroh- oder Holzschindeln gedeckt, was die Ausbreitung von Bränden begünstigt.

Ab 1683/85 regieren die herzoglichen Brüder Wilhelm Ernst (1662–1728) und Johann Ernst III. (1664–1707) gemeinsam, leben aber in verschiedenen Gebäuden: Der Ältere im „Wilhelmsburg“ genannten Residenzschloss, der Jüngere im sogenannten Roten oder mittleren Schloss an der Ostseite des Marktplatzes. Herzog Wilhelm Ernst fördert Kunst und Wissenschaft, vernachlässigt darüber aber nicht das Gewerbe und Handwerk in seinem Herzogtum. Nachts lässt er die Straßen seiner Residenzstadt mit 137 Laternen erleuchten; um 1700 zählt Weimar schätzungsweise 4.700 Einwohner, die überwiegend bei Hofe, als Handwerker oder Ackerbürger tätig sind.
Johann Sebastian Bach ist erstmals im Frühjahr 1703 als Lakai und Hofmusiker bei Herzog Johann Ernst III. von Sachsen-Weimar im Roten Schloss beschäftigt. Nach Stationen als Organist in Arnstadt und Mühlhausen kehrt er im Juli 1708 als Hoforganist an die Ufer der Ilm zurück. Sein einstiger Dienstherr war 1707 gestorben, Prinz Ernst August I. erreichte erst im Mai 1709 die Volljährigkeit und wurde somit offizieller Mitregent seines Onkels, Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (1683–1728). Konfliktreich und temperamentvoll versuchten die beiden unterschiedlichen Charaktere das Land zu regieren. Am 24. August 1716 heiratete der jagd- und baufreudige Herzog Ernst August die acht Jahre jüngere Prinzessin Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen (1696–1726) auf Schloss Nienburg, dem Witwensitz der Fürstin Gisela Agnes von Anhalt-Köthen. Vermutlich lernte Johann Sebastian Bach bei dieser Gelegenheit seinen nachmaligen Dienstherrn, den Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen kennen. Während seiner Weimarer Zeit entstanden 1706–1712 Schloss Ettersberg, unter Herzog Ernst August ab 1724 Schloss Belvedere.

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig

Kirche St. Nikolai

Im Südosten der Leipziger Innenstadt entstand vermutlich im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts – mit Unterstützung durch Markgraf Otto – eine kreuzförmige Basilika. Obwohl St. Nikolai mitsamt den Besitzungen seit 1213 dem neugegründeten Stift der Augustiner-Chorherren zu St. Thomas unterstellt war, war die Nikolaikirche für die Leipziger Bevölkerung „ihre“ Kirche, weshalb die musikalisch vom Thomaskantor gestalteten Festgottesdienste zur Ratswahl hier begangen wurden. Die aus einem quadratischen Grundriss zu einem Achteck wechselnden Türme prägen mit dem erhöhten Mittelturm die markante Westfassade. Der Mittelturm erhielt in der zweiten Hälfte der 1550er Jahre den Aufbau mit der Türmerwohnung, bekrönt durch eine flache Haube mit kleiner Laterne, in der die „Seigerschelle“ genannte Schlagglocke hängt. Für die 1730–32 ausgeführte heutige Laternenform des bis zur Spitze 75 Meter hohen Turms orientierte sich Ratsbaumeister Johann Michael Senckeisen (zugleich Obervogt der Nikolaikirche) an George Bährs Entwurf der Laterne für die Dresdner Frauenkirche.

Für das heutige Kirchenschiff erfolgte am 28. März 1513 die Grundsteinlegung, am 31. Mai 1525 weihte Adolf Fürst von Anhalt und Graf von Askanien, Bischof von Merseburg, das Gotteshaus. Über den Kirchenraum verteilt standen 24 Seitenaltäre, die nach Einführung der Reformation 1539 weitgehend entfernt wurden. An der nördlichen Westwand ließ der Rat Mitte des 16. Jahrhunderts eine Ratsloge und darüber den Fürstenstuhl einbauen, den Schnitzfiguren des Heiligen Nikolaus, Moses mit den Gesetzestafeln sowie des Heiligen Salvator zierten. An der südlichen Westwand entstand 1597–99 auf einer eigenen Empore die neue Orgel durch Johann Lange aus Kamenz, deren reichverziertes Gehäuse 1627 verändert wurde. In der Mitte kragte der Schülerchor ins Mittelschiff aus, von dem aus Johann Sebastian Bach die Figuralmusik leitete. Hier stand ebenfalls ein Cembalo zur Verfügung, das zunächst Bach instand hielt, die Pflege aber 1734–1739 dem Orgelmacher Zacharias Hildebrandt, anschließend Johann Gottlieb Neuhaus und ab 1744 Christian Gottfried Eichler übertragen ließ (Dok II, Nr. 161). Wie in der Thomaskirche gab es auch auf dem Schülerchor der Nikolaikirche abschließbare Schränke für die städtischen Musikinstrumente. 1739/40 erneuerte Friedrich Knoff mit seinem Gesellen die Podeste des Schülerchors, die „zu aufführung der Music erfordert worden“ (Glöckner, Dok. VIII/C 80).

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)

Im rund 17 Meter hohen Chorraum hatte der Bildhauer Valentin Silbermann 1604 einen viergeschossigen Altar mit der Darstellung des Heiligen Abendmahls in der Predella sowie der Auferstehung Christi im Mittelfeld geschaffen, der 1785 auf einer Pinselzeichnung von Carl Benjamin Schwarz zu erkennen ist. Zwischen 1662 und 1680 erhielt der Kirchenraum einen neuen Innenanstrich in Grau- und Weißtönen, die Säulenkanten und Gewölberippen wurden mit aufsteigenden Palmblättern betont, an den Gewölberippen von einem spiralförmigen Band umschlungen. Die östlichen Stirnseiten der Seitenschiffe erhielten perspektivische Architekturmalereien von Christoph Spetner nach Vorlagen Gregorius Pinckerts aus Dresden. Wie in der Thomaskirche entstanden auch hier ab 1662 an der Nordwand dreigeschossige, ab 1706 an der Südwand zweigeschossige Familienkapellen, die die Belichtung des Kirchenraums nachhaltig veränderten. In dieser Form lernte Johann Sebastian Bach 1723 die Nikolaikirche kennen.

Der 1716 ins Amt gelangte Thomasküster Johann Christoph Rost notierte in seinem liturgischen Notizbuch: „Anno 1723. ward zum ersten mahl die Vesper zu St: Nicolai gehalten, die Predigt hielte der Herr Superintend. Herr D[octor]. Deyling. welche Fr. Koppin gestifftet. / Anno 1724. wurde die Passion [von dem Cantor] zu St. Nic. zum ersten mahl Musiciret, etc. zu St. Thom. aber wurden nur Lieder gesungen wie vor diesem gebräuchlich.“ (Dok. II, Nr. 180) Die figural musizierten Passionen wurden fortan im jährlichen Wechsel zwischen den beiden Hauptkirchen musiziert; aufgrund der Landestrauer auf den Tod des Kurfürsten Friedrich August I. entfiel 1733 die Passionsmusik, sodass sie im folgenden Jahr in St. Thomas erklang. 1724 führte Johann Sebastian Bach hier erstmals seine Johannes-Passion BWV 245 und am Weihnachtstag 1734 die erste Kantate des Weihnachts-Oratoriums BWV 248/I auf. Seit 1541 gab es an der Nikolaikirche fünf Geistliche, nämlich den ersten Pfarrer, der zugleich Mitglied des Konsistoriums war, Archidiakon, Diakon und Subdiakon, Sonnabendprediger sowie Organist und Küster.

Bildnachweis Graphiken: Stadtarchiv Leipzig / wikisource
Bildnachweis Fotografie: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Die Gottesdienste in der Nikolaikirche waren gut besucht, der Raum wurde knapp. Kirchenvogt Johann Michael Senckeisen ließ 1735 eine zweigeschossige Empore in den Chorraum einziehen. Die heutige Gestaltung des Kirchenraums geht auf eine umfassende Erneuerung in den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts zurück, die 1784 Johann Friedrich Carl Dauthe im Auftrag des Rats plante. Die Seitenemporen erhielten neue Holzstützen und eine Verbindung zur neuen Orgelempore vor der Westwand, die spätgotischen Achtecksäulen verschwanden hinter kannelierten Stuckmänteln, die Kapitelle erhielten stuckierte aufstrebende Palmblätter, die sich im Gewölbe mit Palmzweigen und Rosetten fortsetzen. An der Nordseite des Chorbogens entstand eine schlichte neue Kanzel, die spätgotische Kanzel wurde eingelagert und ist heute in der Südkapelle aufgestellt. Im Chorraum entstand ein neuer Marmoraltar mit einem Gemälde von Adam Friedrich Oeser (dessen Grabstein an der nördlichen Außenseite des Chorraums erhalten ist), schließlich wurden die gotischen Spitzbogenfenster zu Rundbogenfenstern erweitert. Auf der ins Mittelschiff vorgezogenen Orgelempore baute 1859–62 Friedrich Ladegast aus Weißenfels eine neue Orgel, mit der die Umgestaltung ihren Abschluss fand. Nachdem 1901/02 die Familienkapellen abgebrochen waren, konnten die Fenster im Kirchenschiff um rund zwei Meter verlängert werden, wodurch ein freundlicher, heller Raum entstand.

1982 fanden erstmals in der Nikolaikirche Montagsgebete statt, die vor allem im Spätjahr 1989 wachsenden Zuspruch erfuhren und zur Keimzelle der Montagsdemonstrationen für Demokratie, freie Wahlen und Reisefreiheit in der DDR sowie für die Einheit Deutschlands auf Leipzigs Straßen im Innenstadtring wurden. Nach dem Vorbild der Dauthe’schen Säulen im Innern der Nikolaikirche schuf 1999 der Künstler Andreas Stötzner für den nördlichen Nikolaikirchhof die Friedenssäule zur Erinnerung an die Montagsdemonstrationen und die Friedliche Revolution von 1989.

Bildnachweis Friedenssäule: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)
Bildnachweis Innenaufnahme 2011: wikimedia
Bildnachweis Innenaufnahme 2012: wikimedia

Paulinerkirche / Universitätskirche

1240 weihten Dominikanermönche an der südlichen Stadtmauer neben dem Grimmaischen Tor eine Klosterkirche. Nach einigen Zu- und Umbauten entstand im späten 15. Jahrhundert ein moderner spätgotischer Kirchenraum, dem 1521 ein dreischiffiger Chorraum hinter der Stadtmauer folgte, der aber teilweise im Zuge von Leipzigs neuer Stadtbefestigung 1546 weichen musste. In den Räumen des Dominikanerklosters suchten 1534 Philipp Melanchthon, Gregor von Brück und Christoph von Carlowitz mit den Gesandten des Bischofs von Meißen, Julius von Pflugk und Georg von Carlowitz, die dauerhafte Spaltung der christlichen Kirche zu verhindern. Fünf Jahre bringt die Einführung der Reformation in Leipzig das Dominikanerkloster in landesherrliches Eigentum – der Intervention des Stadtrats ungeachtet, überträgt Herzog Moritz von Sachsen die Anlage der Universität, die schon am 10. Oktober 1543 die Kirche als Aula und lutherischen Gottesdienstraum in Dienst nimmt und fünf Theologen promoviert. Nach einer Renovierung weiht Martin Luther am 12. August 1545 die Universitätskirche St. Pauli offiziell ein, die bis ins 19. Jahrhundert zum bevorzugten Bestattungsplatz Leipziger Professoren zählte. Im 18. Jahrhundert hatte sie eine barocke Westseite mit vorgelagertem, von zwei Säulen flankierten Portal erhalten, innen boten verzierte Doppelemporen den Universitätsangehörigen und Honoratioren ausreichend Platz, wobei im unteren Emporengeschoss Kapellen und Betstübchen eingebaut waren.

Im Zuge der 1710 eingeleiteten barocken Modernisierung der Kirche musste für den Neuen Gottesdienst mit Gemeindegesang die Orgel angepasst werden. Unter fachlicher Begleitung von Thomaskantor Johann Kuhnau und Nikolaiorganist Daniel Vetter verlegte Orgelbauer Johann Scheibe 1710–1716 die Orgel von der Südwand in ein neues Gehäuse auf die Westempore. Begleitet waren seine Arbeiten von verschiedenen Widrigkeiten und Abstimmungsproblemen mit der Universitätsleitung, die am Ende für den bestellten Orgelgutachter Johann Sebastian Bach offenkundig waren. Sein mehrtägiger Aufenthalt zur Prüfung der Orgel Mitte Dezember 1717 ist seine erste nachweisbare Begegnung mit Leipzig.

Organist und Musikdirektor war seit 1716 Johann Gottlieb Görner, der 1721 zunächst Organist der Nikolai- und 1729 der Thomaskirche wurde, als Musikdirektor aber für die Paulinerkirche zuständig blieb, während der Lehrer an der Nikolaischule Johann Christoph Thiele zu seinem Nachfolger als Organist berufen wurde. Als Thomaskantor oblag Johann Sebastian Bach hingegen laut Anstellungsvertrag die musikalische Gestaltung des sogenannten Alten Gottesdienstes am 1. Weihnachtstag, Ostertag, Pfingstsonntag und Reformationsfest um 9 Uhr. Da zeitgleich die Gottesdienste in den Hauptkirchen stattfanden, erklang erst nach der Predigt eine klein besetzt Figuralmusik, deren Leitung Bach oftmals einem fähigen Schüler übertrug. Die Geistlichen der Universitätskirche waren primär Theologen der Universität, die zugleich an einer der beiden Hauptkirchen wirkten, denn ein Kirchenamt als erster Pfarrer oder Archidiakon an St. Thomas oder St. Nikolai sicherte die Anwartschaft auf eine Professur, sodass die Universität in diesem Fall nicht für die Gehälter aufkommen musste.

Bildnachweis Graphik 1747: Bach-Archiv Leipzig
Bildnachweis Graphik 1790: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
 

Zu einem Disput mit Musikdirektor Johann Gottlieb Görner kam es anlässlich der Trauerfeier der Universität für die konfessionstreue Kurfürstin Christiane Eberhardine von Sachsen, die am 5. September 1727 auf Schloss Pretzsch gestorben war. Der Leipziger Student Carl von Kirchbach ersuchte am 12. September die Universität und am 3. Oktober 1727 den Kurfürsten um Erlaubnis, in der Universitätskirche einen akademischen Trauerakt mit einer deutschen Lob- und Trauerrede von Johann Christoph Gottsched abhalten zu dürfen, mit deren Vertonung er zwischen dem 3. und 5. Oktober Thomaskantor Johann Sebastian Bach beauftragte; Görner als Musikdirektor der Universitätskirche fühlte sich übergangen und forderte sein Recht auf Lieferung der dotierten Komposition mitsamt der Aufführung ein (Dok II, Nr. 225). Schließlich führte Bach die in großer Eile am 15. Oktober 1727 abgeschlossene Trauerode Laß, Fürstin, laß noch einen Strahl BWV 198 mit vermutlich eigenmächtig vorgenommenen Eingriffen in Gottscheds Text, im Trauergottesdienst am 17. Oktober auf. Christoph Ernst Sicul berichtet darüber: „[…] also ließ sich auch darauf die Trauer-Music, so dießmahl der Herr Capellmeister, Johann Sebastian Bach, nach Italiänischer Art componiret hatte, mit Clave di Cembalo, welches Herr Bach selbst spielte, Orgel, Violes di Gamba, Lauten, Violinen, Fleutes douces und Fleutes traverses &c. und zwar die Helffte davon vor- die andere Helffte aber nach der Lob- und Trauer-Rede hören.“ (Dok II, Nr. 232).

Nachdem die Paulinerkirche 1813 ebenfalls als Lazarett und Gefangenenlager diente, folgte 1814–1817 eine umfassende Instandsetzung. 1830 ließ die Universität große Teile des ehemaligen Klosters für den „Augusteum“ genannten Universitätsneubau nach Plänen von Albert Geutebrück abbrechen. Mit der Einebnung der Wallanlage entstand vor der Paulinerkirche der großzügige Augustusplatz, weshalb das 1546 verstümmelte Chorhaupt der Kirche nun zur Fassade umgestaltet wurde und für Jahrzehnte die südliche Ansicht von Universität und Stadt prägte. Im Zeichen des Historismus erfolgte 1897/99 die Neugestaltung der Universitätskirche im „gotischen Stil“. Nach dem Zweiten Weltkrieg mehrten sich Diskussionen um den Abbruch der Gebäude, die die Stadtverordnetensitzung am 23. Mai 1968 mit einer Gegenstimme von Pfarrer Hans-Georg Rausch einstimmig beschloss – am 30. Mai 1968 ließ das DDR-Regime die Kirche sprengen, nachdem nur ein Teil der Kunstwerke aus der Kirch geborgen werden konnte.

Den Ende der 1960er Jahre erstellten Universitätsgebäude der damaligen Karl-Marx-Universität war nur eine kurze Dauer beschieden – 2007 wichen sie einer Neubebauung des Campusgeländes mit deutlichen architektonischen Reminiszenzen an die 1968 gesprengte Universitätskirche nach den Plänen des niederländischen Architekten Erik van Egeraat associated architects EEA. Der „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“ genannte Fest- und Gottesdienstraum der Universität entstand am historischen Ort der alten Universitätskirche. Während das neue Augusteum und die oberen Etagen des Paulinums zum Wintersemester 2012/13 in Betrieb genommen werden konnten, verzögerte sich die offizielle Einweihung des „Paulinums“ bis zum 1. Dezember 2017.

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)

Zimmermannsches Kaffeehaus (Katharinenstraße 23)

In Leipzig etabliert sich schon im späten 17. Jahrhundert eine ausgesprochene Kaffeekultur – 1680 gilt die Messestadt neben Hamburg und Bremen als Kaffeehochburg, in der vier Jahrzehnte später acht Kaffeehäuser nachweisbar sind. Als Bach 1723 nach Leipzig kommt, sind acht "Oeffentliche Caffèe-Schencken" in Betrieb. Das älteste Kaffeehaus befand sich nur wenige Schritte von der Thomasschule entfernt in der Fleischergasse: der „Arabische Coffee Baum“. 1703 hat er sein heutiges Aussehen erhalten, 1718/19 ist er durch den „kurfürstlich sächsischen und königlich-polnischen Hof-Chocolatier“ Johann Lehmann zu einem großzügigen Kaffeehaus umgebaut und von dessen Witwe erfolgreich 20 Jahre lang betrieben worden (obwohl Frauen der Besuch wie auch die Bedienung in Kaffeehäusern angeblich untersagt war). Über dem Eingang zeigt die Johann Benjamin Thomae zugeschrieben Sandsteinplastik einen Araber unter einem Kaffeebaum liegend, dem ein Knabe (Amor?) eine Trinkschale reicht.

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)

Eng mit dem Wirken Johann Sebastian Bachs verbunden ist jedoch das 1716/17 durch Ratsbaumeister Christian Döring für den Weinhändler Johann Schellhafer an der Ecke Katharinenstraße 14 / Böttchergässchen errichtete Kaffeehaus, das der aus Dresden stammende Cafétier Gottfried Zimmermann bis zu seinem Tod am 30. Mai 1741 erfolgreich betrieb. Seine Witwe Christiane Elisabeth Zimmermann verlegte das Kaffeehaus einige Zeit später in die Reichsstraße und Enoch Richter übernahm das bisherige Zimmermannsche Kaffeehaus; zuvor hatte Richter (vermutlich 1732-1736) an der Ecke Markt / Thomasgässchen ein Kaffeehaus betrieben, das er später im Barfußgäßchen, Ecke Klostergasse, gegenüber von Schellhafers Haus, weiterführte.

In Zimmermanns Kaffeehaus trat in der „Winters-Zeit Freytags […] Abends von 8. biß 10. Uhr“ jenes Collegium Musicum auf, das Johann Sebastian Bach Ende März 1729 vom Neukirchen-Organisten Georg Balthasar Schott übernommen hatte. In den Sommermonaten hingegen traten sie mittwochs zwischen 16 und 18 Uhr in Zimmermanns Kaffee-Garten „vor dem Grimmischen Thore, auf dem Grimmischen Stein-Wege“ auf (Dok II, Nr. 326), dessen genaue Lage aber unbekannt ist. In Zimmermanns Kaffeehaus erklang am 19. Februar 1734 Bachs „solenne Music“ zur Krönung des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. zum König August III. in Polen, Blast Lärmen, ihr Feinde! Verstärket die Macht BWV 205.2 (Dok II, Nr. 348). Im Sommer 1737 gab Bach die Leitung zeitweilig an den Organisten Carl Gotthelf Gerlach ab, übernahm sie aber erneut vom 2. Oktober 1739 bis 1741, was mit Zimmermanns Tod in Verbindung stehen könnte.

Ein erster Auftritt des Bachschen Collegium Musicum in Zimmermanns Kaffeegarten ist für den 17. Juni 1733 im Anschluss an die fünfmonatige Landestrauer auf den Tod von Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen nachgewiesen. Bach präsentierte „dabey ein neuer Clavicymbel, dergleichen allhier noch nicht gehöret worden, und werden sich die Liebhaber der Music, wie auch die Virtuosen hierzu einzustellen belieben.“ (Dok II, Nr. 331). Was es mit diesem neuen Tasteninstrument auf sich hatte, ist unklar; Hubert Henkel vermutete, dass es sich um ein frühes Hammerklavier gehandelt haben könnte.

Am heutigen "Katharineum" erinnert eine Gedenktafel an die historische Spielstätte von Johann Sebastian Bachs "Collegium Musicum".

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Foto März 2020: Dr. Markus Zepf)

Rathaus

An der Ostseite des zentral gelegenen Marktplatzes erhebt sich das Leipziger Rathaus. Der heutige Bau mit seinem markanten Uhrturm geht auf einen kleineren gotischen Vorgängerbau zurück, der 1556/57 unter Ratsbaumeister Hieronymus Lotter vergrößert und modernisiert wurde. Das Obergeschoss erhielt einen großen Saal mit steinerner Pfeiferstuhl genannten Musizierempore an der nördlichen Stirnwand; hier fanden Hochzeiten wohlhabender Bürger, Tänze und Bälle der Handwerkerinnungen, kurfürstliche Zusammenkünfte und Feste des Rates statt. Nördlich des Saals befanden sich die Räume des sächsischen Oberhofgerichts, im Süden lagen mit der Ratsstube und dem Besprechungsraum des Engeren Rats die wichtigsten Bereiche der städtischen Verwaltung, die der Öffentlichkeit nur auf Einladung zugänglich waren. Ein unzureichendes Fundament führte in der Ratsstube zu Rissen, sodass das Gebäude 1672 umfassend erneuert werden musste. Die Schmalseiten erhielten verzierte Erker und das gesamte Gebäude ein neues Dach mit kupfernen Dachrinnen. Im Erdgeschoss befanden sich Verkaufsstände und Läden; im Durchgang zum Naschmarkt betrieb der Buch- und Kartendrucker Johann Theodor Boethius sein gut gehendes Ladengeschäft, das 1722 seine Tochter Rosine Dorothee erbte, die 1726 den Dresdner Kupferstecher Johann Gottfried Krügner heiratete. Im Ladengeschäft bot sie Kupferstiche, theologische Traktate, Führer durch Leipzigs Kaffee- und Gasthäuser, Kalender und brasilianischen Tabak sowie Musikalien an. 1731 vertrieb sie unter anderem den ersten Teil von Johann Sebastian Bachs Clavir Ubung, bestehend aus den sechs Partiten für Tasteninstrument BWV 825–830.

Bildnachweis Graphik und Fotografie Festsaal: Bach-Archiv Leipzig
Bildnachweis Fotografie von Hermann Walter: Stadtarchiv Leipzig

Das Stadtregiment bestand aus drei gleichen Ratskollegien, die gemäß der Ratsordnung aus jeweils zwölf Personen sowie einem auf Lebenszeit gewählten Bürgermeister bestehen sollten und sich jährlich in der Leitung abwechselten. Das jeweils regierende Gremium wurde als „Sitzender Rat“, die anderen beiden als „Ruhende Räte“ bezeichnet, die ebenfalls in die Verwaltungs- und Amtsgeschäfte eingebunden waren, namentlich in Stadt-, Handels-, Vormundschafts- und Landgericht. Die Zusammenkunft der drei Räte hieß Voller oder Gesamter Rat. Jeder der drei Räte wählte zwei Baumeister, die für das gesamte öffentliche Bauwesen und die Instandhaltung von Straßen und Plätzen wie auch der öffentlichen Einrichtungen zuständig waren. Bei Bedarf konnte der Enge Rat zusammentreten, der aus den drei Bürgermeistern mit zwei Konsulenten, den sechs Ratsbaumeistern und einem Syndikus sowie dem Oberstadtschreiber als Protokollant bestand. Zur Bachzeit fanden die Ratssitzungen täglich (außer samstags) zwischen 9 und 11 Uhr in der Ratsstube statt, wer unentschuldigt fehlte, musste 6 Groschen Strafe bezahlen. Die auf Lebenszeit gewählten Ratsherren waren überwiegend Kaufleute und Gelehrte, vor allem Juristen; Verstöße gegen die Schweigepflicht, Untreue oder Konkurs führten meist zu sofortigem Ausschluss.

Der feierliche Ratswechsel fand jährlich an Bartholomäi, dem 24. August, statt. Da der Kurfürst in Dresden die Personen zuvor bestätigen musste, fand die eigentlich Wahl (von der die Öffentlichkeit ausgeschlossen war) etwa eine Woche zuvor statt. Den Ratswechsel leitete der feierliche Eid auf die Dienstbibel in der Ratsstube ein, danach wurden öffentlich die Namen der neuen Räte und Bürgermeister verlesen und der Ratswechsel im großen Saal festlich begangen. Der Sitzende Rat wählte anschließend den regierenden Bürgermeister aus seinen Reihen, den die Bürger anerkennen mussten. Schließlich erklang in einem Festgottesdienst in der Nikolaikirche eine eigens komponierte Musik des Director Musices.

In der Ratsstube führte Bach im April 1723 die Verhandlungen zu seiner Anstellung als Thomaskantor und unterschrieb den provisorischen Vertrag (Dok I, Nr. 91). Für den Ratswechsel am 30. August 1723 komponierte er Preise, Jerusalem, den Herrn BWV 119, vermutlich für den Ratswechsel 1729 entstand Gott, man lobet dich in der Stille BWV 120, die er umgearbeitet um 1742 wiederaufführte. Für den 27. August 1731 komponierte er die Kantate Wir danken dir, Gott BWV 29 mit virtuosem Orgelpart, die er am 31. August 1739 und am 25. August 1749 jeweils in der Nikolaikirche wiederaufführte und Teile des Eingangschores in die h-Moll-Messe BWV 232 integrierte. Für den Ratswechsel am 26. August 1748 arbeitete er die zum 15. August 1723 entstandene Kantate Lobe den Herren, meine Seele BWV 69.1 um.

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)

Apels Haus (Markt 17)

Um 1558 entstand in prominenter Lage am südlichen Marktplatz, dem Alten Rathaus gegenüber, ein stattliches Renaissancehaus für Gottfried Welsch, den Senior der Medizinischen Fakultät. Im 17. Jahrhundert diente das Gebäude dem Rat der Stadt Leipzig als Gästehaus, in welchem beispielsweise Zar Peter der Große am 30. Mai 1698 Quartier nahm. 1704 erwarb der wohlhabende Andreas Dietrich Apel, ein aus Quedlinburg stammender Kaufmann und Manufakturbesitzer, das dreigeschossige Gebäude und ließ es durch Ratsbaumeister Johann Gregor Fuchs zu einem modernen barocken Wohnhaus umbauen. Fuchs setzte ein Mezzaningeschoss auf und schloss die Fassade mit einer figurengeschmückten Balustrade ab. Im Hinterhof entstand ein Querbau mit Festsaal, der in den 1770er Jahren Johann Adam Hillers „Musikalischer Gesellschaft“ als Konzertsaal diente, ehe das Ensemble in den neuen Konzertraum des Gewandhauses am Neumarkt übersiedelte. Eigentümlich war die Hofeinfahrt mit zwei Portalen, die durch eine Säule auf muschelförmigem Fuß geteilt waren, die den prächtig verzierten dreigeschossigen Erker stützte. Im Zuge eines Umbaus Anfang der 1930er Jahre musste sie weichen.

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Foto Dr. Markus Zepf, März 2020)

Nach Apels Umbau war der Rat der Stadt Leipzig wieder Mieter des ersten Obergeschosses für hochrangige Gäste; auf Geheiß des Kurfürsten schloss er 1706 mit Apel einen Mietvertrag über das gesamte Gebäude für die Dauer der Messen ab, der bis 1827 bestand. Im westlichen Nebengebäude, dem „Schlaafschen Haus“ Ecke Grimmaische- / Petersstraße, betrieb der „kurfürstlich sächsische und königlich-polnische Hof-Chocolatier“ Johann Lehmann seit 1706 erfolgreich einen Kaffee-Ausschank, den Kurfürst Friedrich August I. („der Starke“) regelmäßig bei seinen Besuchen frequentierte. Zur Vereinfachung der Bedienung entstanden Verbindungstüren zwischen dem Kaffeeausschank und den vom Kurfürsten bewohnten Appartements in Apels Haus.

Vor Apels Haus führte Johann Sebastian Bach mindestens zwei Huldigungsmusiken für sächsische Herrscher auf. Zum Geburtstag des Kurfürsten Friedrich August I. am 12. Mai 1727 erklang, unter „ungemeinen Frohlocken […] In einer Abend-Music“ mit Studenten (Dok II, Nr. 219), die Huldigungskantate Entfernet euch, ihr heitern Sterne BWV 1156 [BWV Anh. 9]. Ein Zeitzeuge berichtet dazu: „Umb 9. Uhr erschienen die Studiosi aus dem Königl. und Churfürstl. Convictorio an der Zahl 180. starck vor dem Apelschen Hause mit brennenden Fackeln und brachten Sr. Mayt. eine Abend-Music.“ (Dok V, Nachtrag zu II, 220). Ob hier auch Bachs zweite bekannt gewordene Huldigungsmusik für August den Starken, die zum Namenstag am 3. August 1727 aufgeführte Kantate Ihr Häuser des Himmels BWV 193.1 erklang, ist unklar. (Dok II, Nr. 221)

Für den Namenstag seines Sohns, Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen, kündigte der Extract der eingelauffenen Nouvellen in Zimmermanns Kaffeegarten eine Huldigungsmusik durch das „zur Sommers-Zeit florirende Bachische Collegium Musicum“ am 3. August 1733 an. (Dok II, Nr. 334) Im folgenden Jahr brachten 600 Studenten während der Michaelismesse am Abend des 5. Oktober 1734 dem Kurfürsten und polnischen König im Fackelschein die Abendmusik Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen BWV 215 dar, für die "Herr Capell-Mstr. Bachen" 50 Reichstaler erhielt. Das Königspaar verfolgte die Zeremonie vom Fenster im ersten Obergeschoss. Durch die handschriftliche Chronik des Universitätspedells Johann Salomon Riemer erfahren wir von den tragischen Folgen dieses Auftritts für den aus Weißenfels gebürtigen Senior der Leipziger Stadtpfeifer, Gottfried Reiche, der auf dem Nachhauseweg „im StadtPfeifffer Gäßgen ohnweit seiner Wohnung vom Schlag gerühret, daß er niedergesuncken, und todt in seine Wohnung gebracht worden. Und dieses soll daher kommen seyn, weil er Tages vorhero bey der Königlichen Musique wegen des Blasens große strapazzen gehabt, und auch der Fackel Rauch ihm sehr beschwerlich gewesen.“ (Dok II, Nr. 352)

Bildnachweis: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Kirche St. Thomas

Die Thomaskirche im Westen der Leipziger Altstadt gehörte zum 1212 gegründeten Augustiner Chorherrenstift. Mitte des 14. Jahrhunderts erhielt sie einen veränderten Chorraum, an den sich 1482–1496 ein neues Langhaus mit einer Scheitelhöhe von 17,50 Metern anschloss, bedeckt durch den imposanten Dachstuhl mit 25,75 m Höhe. Durch ihre Lage an Wall und Stadtmauer ist nicht die Westfassade, sondern die Südseite am heutigen Thomaskirchhof die eigentliche Schauseite der Kirche, wo sich am südlichen Querschiff der Turm mit der Türmerwohnung erhebt.

Durch die Reformation wurde das begüterte Thomaskloster aufgehoben und in landesherrliches bzw. städtisches Eigentum überführt und der Kreuzgang auf der Nordseite der Kirche abgebrochen. Im 18. Jahrhundert erhielt die Westfassade ein neues Portal, darüber war in einem Anbau vermutlich die Bälgekammer der Hauptorgel untergebracht. Die Fotografie von 1875 zeigt an der Nordseite den 33 Meter langen und vier Meter breiten zweigeschossigen Anbau, der auf der Nordempore eine zweite, hölzerne Empore sowie die zahlreichen Familienkapellen erschloss, die durch ein Fenster mit dem Kirchenschiff verbunden waren. Zwischen den Strebepfeilern des Chorraums waren seit 1614 Verkaufs- und Lagerräume entstanden.

Bildnachweis: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig / Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)

Das Innere der Thomaskirche unterscheidet sich heute grundlegend von der Bachzeit, wie ein Aquarell des Architekten Hubert Kratz unmittelbar vor den tiefgreifenden regotisierenden Umbaumaßnahmen 1881–1889 zeigt. Markant ist der flache Scheitel des Triumphbogens am Querhaus. Hier fand die 1489 als Schwalbennest an der Südwand entstandene kleine Orgel (II/21) 1640 auf einer neuen Empore ihren Platz. Johann Sebastian Bach ließ 1727 durch Zacharias Hildebrandt acht Register „in brauchbaren Stand“ setzen, sodass sie vermutlich am Karfreitag jenes Jahres sowie 1736 für seine Matthäus-Passion BWV 244 brauchbar war (Glöckner, Dok. VIII/C 30). Universitätsorgelmacher Johann Scheibe baute sie 1740 ab, auf dem veränderten Orgellettner entstanden die auf dem Aquarell dargestellten Familienkapellen für den Kramer Johann Martin Haugk und Handelsmann Rudolf Wilhelm Mewes. Teile des Pfeifenwerks nutzte Scheibe für die Orgel der Johanniskirche. Im 18. Jahrhundert entstanden weitere Familienkapelle im Querschiff und Chorraum, der außerdem im Zuge eines Altarneubaus 1721–23 umgestaltet wurde und ein verglastes Chorgestühl erhielt. Seit 1541 wirkten an der Kirche der Thomaspfarrer, Archidiakon, Diakon und Subdiakon sowie der Sonnabendprediger, ferner Kantor, Organist, Küster, ein Glöckner und vier Schullehrer. Die Gottesdienste fanden nach einem festgelegten Rhythmus zwischen beiden Hauptkirchen statt:

Sonntags: Früh- bzw. Hauptgottesdienst um 7 Uhr in beiden Kirchen; Mittagspredigt 11.30 Uhr im wöchentlichen Wechsel; Vesperpredigt 13.30 Uhr in beiden Kirchen
Montags, mittwochs, freitags Morgengottesdienst 6 Uhr in St. Nikolai, dienstags und donnerstags in St. Thomas, mittwochs und donnerstags mit Feier des Heiligen Abendmahls
Samstags Vespergottesdienst um 13.30 Uhr in beiden Kirchen

Unter Ratsbaumeister Hieronymus Lotter waren 1570/71 die umlaufenden Emporen mit Steinbrüstungen aus Rochlitzer Porphyr entstanden. Seit dem 17. Jahrhundert waren die Nord- und Westempore mit zusätzlichen Emporen und Kapellen versehen worden, in der Mitte der Nordempore stand zudem seit 1684 ein reich geschmückter neuer Fürstenstuhl für 18 Personen, der im Zuge der Regotisierung ausgebaut und dem Stadtgeschichtlichen Museum übergeben wurde. Ihn flankierten 1710–1881 eine hölzerne Empore und weitere Familienkapellen. Die zahlreichen Einbauten und Familienkapellen beeinträchtigten die Belichtung der Kirche. Zur Bachzeit fanden in der Thomaskirche etwa 2.000 Personen Platz.

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig (Fotos Dr. Markus Zepf, März 2019; Graphik Lilo Häring, 1983)
 

Bachs Arbeitsplatz in der Thomaskirche war auf der Westempore. Auf der heutigen Sängerempore befand sich seit dem frühen 17. Jahrhundert der Ratsstuhl, dahinter bzw. darüber erhob sich die mehrfach erweiterte und umgebaute Orgel, deren Gehäuse zum Kirchenraum auf Säulen auskragte. Zu beiden Seiten der Orgel waren 1632 hölzerne Musizieremporen mit jeweils zehn Ständen für die Stadtpfeifer im Norden und die Kunstgeiger im Süden entstanden, die zuletzt Bachs Amtsvorgänger Johann Kuhnau ausbessern ließ. Die Thomaner musizierten des Ratsstuhls vor der Orgel an der Emporenbrüstung. Die am 3. Dezember 1723 in Kraft getretene erneuerte Schulordnung bestimmte auf S. 72, dass die Alumnen während des Gottesdienstes „so lange auf ihren Bäncken stille sitzen, bis sie zu den Pulten geruffen werden“. Die jungen Sänger in Diskant und Alt durften hingegen die einstündige Predigt im Sitzen verfolgen, „der Praecentor mit denen, welche den Baß und Tenor singen“ mussten aber „vornen am Geländer stehen bleiben“. Auf dem Schülerchor stand außerdem ein Cembalo, das vermutlich 1672 Ludwig Compenius aus dem benachbarten Halle geliefert hatte und das Bach zu Beginn seiner Tätigkeit durch den Orgelbauer David Apitzsch instandsetzen ließ (Glöckner, Dok. VIII/C 10). Für seinen umfassenden Beitrag über das Innere der Thomaskirche zur Amtszeit Johann Sebastian Bachs im 1984 erschienenen dritten Band der  Beiträge zur Bachforschung wertete Superintendent i. R. Herbert Stiehl Rechnungen und Baubeschreibungen aus, nach denen Lilo Häring 1983 eine mögliche Ansicht der Emporen mit dem Ratsgestühl am Übergang von Nord- und Westempore sowie dem Taufstein im Mittelgang zeichnerisch umsetzte. Bei allen Fragen, die trotz intensiver Forschung offenbleiben, liefert die Zeichnung eine Vorstellung davon, wie es gewesen sein könnte.

Die Platzverhältnisse auf der Sängerempore veränderte der Einbau einer weiteren Kapelle für Bürgermeister Jacob Born im Mai 1739, zu der Thomasküster Johann Christoph Rost notierte: „Er ließ auch auf seine Kosten die beyden Stadt Pfeiffer Pohr Kirchen, erweitern, iedoch unter dem Chor nichts zu schmälern, sondern die Weite des Chores unten blieb wie es sonsten gewesen sey.“ Im Juli erhielten der Schülerchor wie auch die beiden Musikeremporen neue Notenpulte sowie eine „Stellage zum Spind“, die wie der Aufgang zu den Emporen nun verschließbar war (Glöckner, Dok. VIII/C 78). Als Kunstgeiger waren damals Heinrich Christian Beyer, Johann Gottfried Kornagel und Johann Christian Oschaz angestellt, als Stadtpfeifer Johann Cornelius Genzmer, Johann Caspar Gleditzsch, Ulrich Heinrich Ruhe und Johann Friedrich Kirchhofen. Zu Bachs Aufgabe gehörte ferner die Ergänzung der Musikinstrumente, deren Anschaffung und Unterhalt paritätisch die beiden Hauptkirchen paritätisch bezahlten. 1729 lieferte Johann Christian Hoffmann zwei Violinen, eine Bratsche und ein Violoncello, für die ein abschließbarer Schrank („Köthe“) auf dem Schülerchor zur Verfügung stand (Dok. II, Nr. 272).

Am 1555 geschaffenen Taufstein im Mittelgang unterhalb der Westempore (dessen imposanter Deckel im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und sowohl auf der Zeichnung von Lilo Häring als auch dem Foto des Fürstenstuhls im Stadtgeschichtliche Museum noch erkennbar ist) empfingen folgende zwölf Kinder von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach die heilige Taufe: Gottfried Heinrich (1724–1763), Christian Gottlieb (1725–1728), Elisabeth Juliana Friederica (1726–1781), Ernestus Andreas (1727), Christiana Benedicta Louisa (1729?–1730), Christiana Dorothea (1731–1732), Johann Christoph Friedrich (1732–1795), Johann August Abraham (1733), Johann Christian (1735–1782), Johanna Carolina (1737–1781) und schließlich Regina Susanna (1742–1809). Bachs Tochter Regina Johanna (1728–1733) hingegen wurde am 10. Oktober 1728 "Aus Schwachheit zu Hause getaufft."

Bildnachweis Fotografie Fürstenstuhl: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Bildnachweis Innenaufnahme und Westportal: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)
Bildnachweis "Bach-Sarg": Bach-Archiv Leipzig (Sammlung Heyde)

Das heutige Aussehen der Kirche bestimmen die umfassenden Renovierungen von 1881–1889 und 1961–1969. Im Zuge einer Regotisierung verlor der Kirchenraum ab 1881 zunächst seine barocke Ausstattung, von einigen Grabmälern und den lebensgroßen Porträts der Superintendenten im Chorraum einmal abgesehen. Ein neugotischer Schnitzaltar ersetzte 1889 den barocken Marmoraltar; erhalten blieb der von Caspar Friedrich Löbelt geschaffene Kruzifix am Pfeiler gegenüber der Kanzel. Die Westfassade erhielt nach Plänen von Constantin Lipsius eine vorgelagerte neugotische Halle, die zugleich einen Teil der großen Orgel von Wilhelm Sauer aufnimmt, die 1908 auf Wunsch des damaligen Thomasorganisten und späteren Thomaskantors Karl Straube von 63 auf 88 Register erweitert wurde. Sämtliche Familienkapellen in- und außerhalb der Kirche ließ Lipsius abbrechen und auf der Nordseite 1885/86 das Apostelportal mit lebensgroßen Figuren in der Vorhalle errichten.

Am 28. Juli 1948, dem 198. Todestag Johann Sebastian Bachs, brachte Universitätsmaurermeister Adalbert Malecki (der Überlieferung zufolge ohne offiziellen Auftrag) den aus der Gruft der zerstörten Johanniskirche geborgenen Zinksarg mit den angeblichen Überresten Bachs in die Thomaskirche, wo er zunächst in der Nordsakristei seinen Platz fand. Zu Bachs 200. Todestag 1950 erfolgte ein Wettbewerb zur würdigen Gestaltung des Bach-Grabes, den Kunz Nierade für sich entscheiden konnte. An den Chorstufen entstand aus Oberdorlaer Kalkstein eine Grabtumba mit profilierter Bronzeplatte, die jedoch im Zuge der umfassenden Kirchenrestaurierung 1961–69 eben in den Boden eingelassen wurde. Die Arbeiten zielten auf die Wiederherstellung des spätgotischen Raums mit gekalkten Wandflächen und hervorgehobenen Architekturteilen. Seit 1968 hängt am Triumphbogen ein ausdrucksstarkes Kruzifix aus der Schlosskirche Altenburg.

Als Ergänzung zur spätromantischen Sauer-Orgel entstand auf Wunsch des Thomasorganisten Ullrich Böhme zum Bach-Jahr 2000 in der Werkstatt Gerald Woehl, Marburg, eine im Chorton gestimmte „Bach-Orgel“ auf der Nordempore. Die Disposition mit 61 Registern auf vier Manualen und Pedal ist am Entwurf Johann Christoph Bachs für die Georgenkirche Eisenach orientiert, das Gehäuse der 1717 von Johann Sebastian Bach geprüften Orgel Johann Scheibes der Paulinerkirche nachempfunden.

Bildnachweis Graphik: Bach-Archiv Leipzig
Bildnachweis Thomaskirchhof 2019: Bach-Archiv Leipzig (Prof. Dr. Michael Maul)
Bildnachweis Apostelportal, Bach-Fenster und Bach-Orgel: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf)

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