Schloss Neideck

Das von barocken Gartenanlagen umgebene Schloss diente Graf Anton Günther II. von Schwarzburg-Arnstadt als Residenz. Nach dem Tod seines Vaters Anton Günther I. von Schwarzburg-Sondershausen 1666 hatte er mit seinem Bruder Christian Wilhelm die Nachfolge angetreten, aber erst 1681 die Erbteilung vorgenommen. 1683 verlegte er seinen Wohnsitz von Keula nach Arnstadt und bezog nach seiner Hochzeit mit Auguste Dorothea von Braunschweig-Wolfenbüttel am 7. August 1684 Schloss Neideck. Durch Johann Moritz Richter d. J. ließ er 1694/95 das Schloss modernisieren. Doch mit seinem Tod am 20. Dezember 1716 erlosch die von ihm begründete Nebenlinie Schwarzburg-Sondershausen-Arnstadt. Das Schloss verfiel im Laufe des 18. Jahrhunderts und wurde ab 1764 schrittweise abgebrochen. Erhalten ist nur noch der 1554 errichtete, 64 Meter hohe Schlossturm mit der Türmerwohnung, die vielleicht Caspar Bach für seinen Dienst als Türmer nutzte. Ein 2001–2003 erbautes Modell auf dem Schlossgelände vermittelt einen anschaulichen Eindruck der ehemaligen Residenz.

Beginnend mit Christoph Bach waren seit 1654 verschiedene Mitglieder der Bach-Familie zugleich Musiker in städtischen und gräflichen Diensten. So wirkte Christoph Herthum seit 1667 (spätestens jedoch seit 1672) als Küchenschreiber und Hoforganist, ab 1694 als Nachfolger seines Schwiegervaters Heinrich Bach als städtischer Organist der Oberkirche. Ob Johann Sebastian Bach sich ebenfalls bei Hofe hören ließ (ob solistisch oder mit der Hofkapelle, die von 1701–1710 unter der Leitung von Paul Gleitsmann stand) ist bislang unbekannt.

Bildrechte Bach-Archiv Leipzig (Markus Zepf, November 2018)

Oberkirche

Nahe der südlichen Stadtmauer siedelten 1248 Franziskaner-Mönche (Barfüßer). Sie erbauten eine rund 60 Meter lange und 11 Meter breite Hallenkirche, die im Osten mit einer geraden Wand und drei großen Fenstern abschließt. Der 1461 an der Nordseite vollendete Glockenturm erhielt erst 1746 seine barocke Haube. Nachdem in Arnstadt 1533 die Reformation eingeführt worden war, wurde 1538 das Franziskanerkloster aufgehoben. Die Konventsgebäude dienten von 1540 bis 1561 als gräfliche Erziehungsanstalt, nach dem Stadtbrand von 1581 (der neben der Bonifatiuskirche als Hauptkirche der Stadt auch das Pfarrhaus und die Schule zerstört hatte) beherbergte das Kloster die städtische Lateinschule und die Superintentur. Heute sind hier Büros der Kirchenverwaltung Arnstadt-Ilmenau untergebracht.

Als neue Hauptkirche der Stadt erhielt die Oberkirche 1595 auf der Südseite einen hölzernen Fürstenstand und 1624 im Westen eine größere Orgelempore. Weitere Emporen und Kirchenstände folgten 1715/16. Aus dem Jahr 1642 datiert der eindrucksvolle Hochaltar im Chorraum. Er zeigt auf drei Reliefs das letzte Abendmahl, darüber die Kreuzigung und Auferstehung Christi, flankiert von je zwei Evangelisten sowie in Nischen Moses und Johannes bzw. Petrus und Paulus. Seit 2007 wird das ehemalige Gotteshaus mit seiner 1725 erneuerten Holztonne schrittweise saniert.

An der Oberkirche wirkte von 1641–1692 Heinrich Bach als Stadtorganist. Nach längeren Diskussionen folgte ihm zwei Jahre später sein Schwiegersohn Christoph Herthum (1651–1710). Auch wenn bislang keine eindeutigen Belege bekannt geworden sind, liegt die Vermutung nahe, dass Johann Sebastian Bach auf der 1611 von Ezechiel Greutzscher erbauten Orgel wenigstens vertretungsweise Gottesdienste begleitete. Neue Kirche

Oberkirche und Superintendentur März 2018, Klostergebäude und Innenaufnahmen im November 2018.
Bildrechte Bach-Archiv Leipzig (Markus Zepf)

Wohnhaus Kohlgasse 7

 

Das beschauliche Handwerkerhaus in der Oberstadt (Bildmitte mit Metallschild "Bachhaus") samt den zugehörigen Äckern erwarb Johann Christoph Bach {12} (der Zwillingsbruder von Johann Sebastian Bachs Vater Johann Ambrosius) im April 1687 von der Weißbäckerswitwe Elisabeth Kannewurf. Nach Bachs Tod 1693 blieb es zunächst im Besitz der Witwe Martha Elisabeth und ihrer Kinder Johann Ernst, Johann Christoph und Barbara Catharina Bach. Erst 1732 verkaufte Johann Ernst Bach das Gebäude und zog in ein Gebäude neben der Neuen Kirche (Friedhofsgasse).

Die Vermutung, dass Johann Sebastian Bach und seine Cousine 2. Grades Barbara Catharina Bach (die ältere Schwester seiner künftigen Ehefrau Maria Barbara) zwischen 1703 und 1706 ebenfalls im Vorder- oder dem Hinterhaus Kohlgasse 7 wohnten, lässt sich aufgrund ihrer Angaben in den Verhörprotokollen vom 5. August und 21. August 1705 vermuten. Nach dem Raufhändel mit dem Chorschüler Johann Heinrich Geyersbach gab Johann Sebastian Bach zu Protokoll, dass er „abends etwas späte in der Nacht vom Schloße aus, nacher Hause gangen und ufm Marck kommen“. Seine Cousine Barbara Catharina Bach sagte am 21. August aus, dass beide auf dem Heimweg vom fürstlichen Küchenschreiber und Stadtorganisten Christoph Herthum waren, als sie auf den Marktplatz kamen. Der Weg vom Schloss wie auch von Herthums Wohnung in der heutigen Zimmerstraße 18 zur Kohlgasse 7 führt über den Hauptmarkt.

Seit 2004 befindet sich in dem Bach-Haus eine Gedenkstätte. Die Neue Bachgesellschaft mit Sitz in Leipzig stiftete 1935, dem Gedenkjahr zu Johann Sebastian Bachs 250. Geburtstag, eine Marmortafel, die im Eingangsbereich des Hauses über die früheren Bewohner informiert.

Bildrechte Bach-Archiv Leipzig (Markus Zepf, März 2018)

 

Neue Kirche (Bonifatiuskirche)

Die schon im frühen Mittelalter nachgewiesene Bonifatiuskirche brannte am 7. August 1581 mitsamt ihrem eindrucksvollen Turm (auf dem der städtische Türmer wohnte) vollständig aus und blieb rund einhundert Jahre Ruine. Erst durch die finanzielle Unterstützung der Gräfin Sophie Dorothea von Schwarzburg-Sondershausen (Witwe Christian Günthers II. von Schwarzburg-Sondershausen) begann am 24. April 1676 der Wiederaufbau nach Plänen von Andreas Rudolph als Saalkirche mit zwei umlaufenden Emporen und einer separaten (dritten) Orgelempore. Am 9. März 1683 wurde das fortan "Neue Kirche" genannte Gotteshaus geweiht – aus finanziellen Gründen aber ohne Turm, Glocken und Orgel.

Zwischen 1694 und 1816 hatte die Neue Kirche eigene Prediger, für die Kirchenmusik stand spätestens 1695 ein Orgelpositiv zur Verfügung, das Andreas Börner (Schwiegersohn des Stadtorganisten Christoph Herthum) spielte. Um den Neubau einer dem Raum angemessenen Orgel voranzubringen, stiftete der Kaufmann und Ratsbauherr Johann Wilhelm Magen am 9. Mai 1699 (zwei Tage vor seinem Tod) in einem Nachtrag zu seinem Testament 800 Gulden aus seinem Vermögen. Nun konnte der Stadtrat Ausschau nach einem geeigneten Orgelbauer halten. Auf Vermittlung von Pfarrer Theodor Günther Fischer (von 1691 bis zu seinem Tod im Dezember 1699 Pfarrer an Divi Blasii zu Mühlhausen) unterzeichneten Stadtrat und Superintendent Johann Gottfried Olearius bereits am 17. Oktober 1699 mit dem Mühlhäuser Orgelmacher Johann Friedrich Wender den Vertrag über einen Orgelneubau.

Johann Sebastian Bach reiste Anfang Juli 1703 von Weimar nach Arnstadt und prüfte die fertiggestellte Orgel. Die Emporen, das Orgelgehäuse und das Tonnengewölbe waren noch holzsichtig; ein Modell im Schlossmuseum Arnstadt vermittelt hiervon einen Eindruck. Gemeinsam mit Stadtorganist Christoph Herthum prüfte der 18-Jährige die neue Orgel. Sein Orgelspiel scheint in Arnstadt Gefallen gefunden zu haben, denn schon am 9. August 1703 wurde er zum Organisten der Neuen Kirche bestallt. Zu seinen Aufgaben gehörte das Orgelspiel in den Hauptgottesdiensten an Sonn- und Feiertagen, der Betstunde montags um 7 Uhr, der Vesper mit Beichte mittwochs um 14 Uhr sowie zur Frühpredigt donnerstags um 7 Uhr. Im Juli 1707 trat Bach das Amt des Organisten an der Kirche Divi Blasii zu Mühlhausen an.

Im Gedenkjahr an Bachs 250. Geburtstag 1935 wurde die Neue Kirche in „Bach-Kirche“ umbenannt. An der Stützmauer, unterhalb des Chorraums beim Hopfenbrunnen, erinnert seit 1957 eine Marmortafel an Bachs Wirken in Arnstadt.

 

Bildrechte Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf - März/November 2018)

Rathaus

Der Marktplatz ist Arnstadts ältester Siedlungspunkt. In direkter Nachbarschaft zur Bonifatiuskirche erhebt sich an der Nordseite das 1582–1586 nach Plänen von Caspar Junghans d. Ä. erbaute Rathaus. Zum Marktplatz schließt das winkelförmige Gebäude mit einer niederländischen Renaissance-Fassade und hohem Schaugiebel ab. Weithin sichtbar sind die beiden Dachreiter mit Haube und Laterne. Anstelle des Balkons führte bis 1753 eine doppelläufige Treppe vom Markt in den großen Saal. Über den 1753 eingebauten, großen Fenstern stehen hölzerne Figuren aus dem 14. Jahrhundert, die Maria und Bonifatius, die Schutzheiligen der Stadt, darstellen. Damals wie heute ist hier der Sitz der Stadtverwaltung.

Bildrechte Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2018)

Kantorenwohnung

Der Thomaskantor bewohnte mit seiner Familie den südlichen Teil der Thomasschule, der Rektor den nördlichen. Nach Johann Kuhnaus Tod war die auf drei Etagen verteilte Kantorenwohnung renoviert und ein neuer eiserner Ofen eingebaut worden. Am 22. Mai 1723 „zu Mittage kamen 4. Wagen mit Haus-Raht beladen von Cöthen allhier an“, die Familie Bach traf zwei Stunden später „auf 2 Kutschen an, und bezog die in der Thomas-Schule neu renovirte Wohnung.“ (Dok II, Nr. 138). Die Stadtrechnungen enthalten für November 1726 und April 1727 nicht näher spezifizierte Maurer- und Zimmermanns-Arbeiten in den Wohnungen des Rektors und Kantors (Dok II, Nr. 215). Während der Erweiterung des Schulhauses wohnte die Familie Bach vermutlich von Ende Juni 1731 bis 24. April 1732 im Haus des Juristen Dr. Christoph Donndorf, Hainstraße 17 (Dok II, Nr. 291 und Dok II, Nr. 296), wo vom 9. bis 17. Januar 1729 Herzog Christian von Weißenfels während der Neujahrsmesse abgestiegen war und Bach ihm am 12. Januar die Huldigungskantate O angemehme Melodei BWV 210.1 darbrachte. Nach dem Umbau der Thomasschule standen der Familie Bach rund 250 Quadratmeter Wohnfläche auf drei Stockwerken zur Verfügung, eine Kammer auf dem Dachboden nicht eingerechnet. Den erhaltenen Bauplänen zufolge befanden sich im Erdgeschoss neben einer beheizbaren Stube die Waschküche und Toilette, im ersten Obergeschoss vier Wohnräume und die kleine Küche von rund 8 qm, im zweiten Obergeschoss zwei Wohnräume und im dritten Obergeschoss ein weiterer Raum mit geräumigem Flur. Mit Blick auf die wachsende Familie, zu der Bachs am 28. Juli 1729 gestorbene Schwägerin aus erster Ehe, Friedelena Margaretha Bach, sowie Gesinde und Privatschüler gehörten, wird die Belegung der Räume im Laufe der 27 Jahre, die das Ehepaar Bach dort lebte, mehrfach verändert worden sein.

Bildnachweis Graphik: Bach-Archiv Leipzig
Bildnachweis Thomasschule: Stadtarchiv Leipzig
Bildnachweis Innenaufnahme: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Während eines Umbaus wurde 1829 die veränderte Raumaufteilung von 1732 teilweise rückgängig gemacht (Dok II, Nr. 290). Aus späterer Zeit ist eine Belegung der Räume durch Thomaskantor Moritz Hauptmann überliefert, der im ersten Obergeschoss hinter der Küche zum Auditorium der Tertia seine „Componierstube“ hatte. Beim Abbruch der Thomasschule kam unter dem Dielenboden ein Rastral (Hilfsmittel zum Ziehen der Notenlinien) zum Vorschein, weshalb bis heute davon ausgegangen wird, dass auch Bach in diesem Raum komponierte. Impressionen einiger Räume liefern unmittelbar vor dem Abbruch entstandene Fotografien.

Beim Abbruch übernahm die 1900 gegründete Neue Bachgesellschaft die Eingangstüre zur Kantorswohnung, die nach einem Interim im Bosehaus seit 2007 wieder im Bachhaus Eisenach ausgestellt ist. Der bedeutende Sammler historischer Musikinstrumente, Paul de Wit, hatte seit März 1887 gegenüber der Thomasschule, im Bosehaus, sein Verlagsbüro und präsentierte dort seit März 1893 seine umfangreiche Sammlung. Er ergatterte drei weitere „Reliquien“ der alten Thomasschule, nämlich das 1885 im Zuge der Neunummerierung von Leipzigs Straßenzüge angebrachte Hausnummernschild „18“, ein hölzernes Laufrad mit Schellen sowie eine gusseiserne Ofenplatte und notiere dazu unter den Nummern 1001–1003 im 1903 gedruckten Sammlungskatalog (S. 178): „Erinnerungen an die alte Thomasschule aus Bachs Zeit. […] Das Laufrad mit Schnur und Gewicht diente gleichzeitig als Thürklingel [sic] und Türschliesser. Beim Oeffnen und Schliessen der Türe wurden durch die Drehung des Laufrades die darin frei liegenden Schellen in Bewegung gebracht. – Die gusseiserne Ofenplatte stammt aus dem ehemaligen Bachzimmer. Die Platte kam erst zum Vorschein, nachdem man den Putz, womit sie jahrhundertelang verdeckt war, entfernt hatte. Sie trägt das kurfürstlich sächsische Wappen, ein Monogramm und die Jahreszahl 1706.“ Paul de Wit verkaufte seine Sammlung 1905 dem Kölner Papierfabrikanten und Musikmäzen Wilhelm Heyer; dessen Kustos Georg Kinsky veröffentlichte 1910 im ersten Band des Sammlungskatalogs eine Fotografie des arrangierten Ensembles.

Die Thomasschule wurde 1902 abgebrochen und an ihrer Stelle mit verkleinertem Grundriss 1903 die Superintendentur, das heutige "Thomashaus" erbaut. Unweit des 1908 eingeweihten Bach-Denkmals von Carl Seffner erinnern zwei Bronzeplaketten an der Wand der Superintendentur an die berühmten Bewohner. Eine Ansicht des Gebäudes hat Seffner auf der Rückseite seines im Geist des 19. Jahrhunderts gestalteten Bach-Denkmals aufgenommen. Wenige Meter entfernt, befindet sich in der Grünanlage am oberen Dittrichring das 1843 von Felix Mendelssohn Bartholdy gestiftete älteste Bach-Denkmal mit einer Bach-Büste des Bildhauers Hermann Knaur.

Bildnachweis Altes Bach-Denkmal: Bach-Archiv Leipzig (Matthias Knoch, März 2017)
Bildnachweis Bach-Denkmal Thomaskirchhof: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2019)
Bildnachweis Bronzetafeln: Bach-Archiv Leipzig (Dr. Markus Zepf, März 2020)

Lüneburg – Schüler an der Michaelisschule

Johann Sebastian Bach besuchte von 1695 bis März 1700 die Lateinschule in Ohrdruf. Wenigstens im letzten Jahr erhielt er eine Förderung, den sogenannten Freitisch. Da diese Unterstützung im März 1700 endete, scheint sich sein Vormund Johann Christoph Bach rechtzeitig nach Alternativen umgesehen zu haben. Wie der Kontakt zur überregional bekannten Michaelisschule zustande kam, ist unbekannt. Möglich, dass der in Ohrdruf wirkende Kantor Elias Herda (1689–1695 selbst Freischüler der Michaelisschule) auf die Stipendien für musikalisch begabte Kinder armer Leute an der Lüneburger Michaelisschule aufmerksam gemacht hatte. Bach und sein Schulfreund Georg Erdmann traten vermutlich im März 1700 den Weg in die rund 350 Kilometer entfernte Hansestadt Lüneburg an. Erstmals fassbar sind beide am 3. April 1700 in einer Liste zur Verteilung der Mettengelder.

Der Mettenchor der Michaelisschule, dem Bach und Erdmann angehörten, bestand aus musikalisch begabten und stimmlich fähigen Sängern. Ihr Dienst umfasste die Hauptgottesdienste, Vespern und Metten sowie Früh- und Vorabendgottesdienste, hinzu kam zeitweise das Kurrende-Singen in bestimmten Straßen der Stadt. Nach mehrfachen Handgreiflichkeiten zwischen den Chorsängern der Michaelis- und der Johannisschule überwachte der Stadtrat die im Winterhalbjahr beinahe täglich stattfindenden Umgänge, bei denen an jeder Station jeweils zwei Stücke vorgetragen wurden. Als Mettensänger erhielten Bach und Erdmann zwei Jahre lang unentgeltlich Kost und Unterricht, mussten aber ihre Unterkunft selbst organisieren.

Die Impulse, die Johann Sebastian Bach in seiner Lüneburger Zeit empfing, wirkten lange nach. Er knüpfte Beziehungen zu dem gebürtigen Thüringer Georg Böhm, lernte an einem bislang unbekannten Ort den französischen Musizierstil durch die überwiegend mit französischen Musikern besetzte Celler Hofkapelle kennen und reiste bisweilen nach Hamburg, um den Organisten Jan Adams Reincken an der Katharinenkirche „zu belauschen“.

Bildnachweis: Bach-Archiv Leipzig

Mühlhausen – Organist der Divi Blasii Kirche

Mühlhausen im Herzen des heutigen Bundeslandes Thüringen war von 1251 bis zum Ende des Alten Reichs eine freie Reichsstadt. Sie unterstand keinem Landesherrn, sondern dem Kaiser, den vor Ort sogenannte Schutzmächte vertraten. Bis 1710 waren dies die Kurfürsten von Sachsen, anschließend die Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gehörten der Reichsstadt 18 Ortschaften im Umkreis von zwei Meilen (das entspricht etwa einem Radius von 15 Kilometern). Von Ende Juni 1707 bis Juni 1708 war Johann Sebastian Bach Organist an der Kirche Divi Blasii. Der Kupferstich von Caspar Merian und seiner Werkstatt zeigt Mühlhausen von Süden um 1650.

Bildrechte Bach-Archiv Leipzig

 

Eisenach – Kindheit

In Eisenach, einer kleinen Residenzstadt im Knotenpunkt von vier Tälern und am Zusammenfluss von Nesse und Hörsel gelegen, wird Johann Sebastian Bach am 21. März 1685 geboren und zwei Tage später (dem Montag nach Oculi) in der Georgenkirche durch Magister Johann Christoph Zerbst getauft. In den protestantischen Ländern des Heiligen Römischen Reichs gilt noch der julianische Kalender; erst im Februar 1700 führen die protestantischen Fürsten den "verbeßerten Calender" ein, den Papst Gregor XIII. im Oktober 1582 für die katholische Kirche als verbindlich erklärt hatte. Diesem folgend, wäre Bachs Geburtstag der 31. März.

Die Gegend um Eisenach war bereits in vorchristlicher Zeit besiedelt und ist urkundlich seit der Mitte des 12. Jahrhunderts als wichtiger Handelsplatz mit eigenem Münzrecht nachgewiesen. Die Lage an der Fernhandelsstraße ins Rheinland begünstigt die Entwicklung der Stadt ebenso, wie der Hof der Landgrafen von Thüringen, der Dichter und Künstler anzieht. Der "Sängerkrieg auf der Wartburg" ist nicht zuletzt durch die romantische Bearbeitung in Richard Wagners Oper Tannhäuser bis heute legendär. Die Stadt Eisenach besaß seit dem 12. Jahrhundert eine Lateinschule bei der Stadtkirche St. Georgen, die Martin Luther zwischen 1498 und 1501  besuchte. Damals erhielt der Schüler durch die Familie Cotta materielle Unterstützung. Ob die Cottas zu dieser Zeit tatsächlich im heutigen "Lutherhaus" in der Lutherstraße 8 wohnten, ist unklar. Auf der Wartburg oberhalb Eisenachs übersetzte der Reformator bekanntlich das Neue Testament in die Volkssprache. Die von ihm in Schwange gebrachte Reformation erfasste 1525 Eisenach und veränderte das politische wie geistliche Leben nachhaltig.

In Eisenach wirkte Johann Sebastian Bachs Vater Johann Ambrosius von Oktober 1671 bis zu seinem Tod am 20. Februar 1695 als Leiter der Stadtmusik (sogenannter Hausmann). Seit 1665 stand sein Arnstädter Vetter Johann Christoph Bach ebenfalls in städtischen Diensten, nämlich als Organist der Georgen- und Nicolaikirche. Nachdem Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Weimar 1672 sein eigenes Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gegründet hatte, bestallte er Johann Ambrosius Bach und Johann Christoph Bach zusätzlich als Hofmusiker. Mit dem Tod seines Enkels, Herzog Wilhelm Heinrich am 26. Juli 1741, erlosch diese Linie und das Fürstentum fiel zurück an die Regenten in Weimar.

Eine bildhafte Vorstellung vom Handels- und Residenzort Eisenach zur Bachzeit liefert der (idealisierte) Kupferstich von Caspar und Matthäus Merian. Wir sehen Eisenach kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges am Fuße der Wartburg (Nr. 16, bezeichnet als Schloss Wartenberg). In der Bildmitte liegt der Marktplatz, umgeben von der Stadtkirche St. Georg (2), dem 1507 auf der Südseite errichteten "Fürstl. Residentz Schloß" (1) sowie dem Rathaus mit seinem markanten Türmchen (3), das einer der Dienstorte von Bachs Vaters war. Eine umlaufende Stadtmauer, die heute in Teilen erhalten ist, trennt die Altstadt von den Vorstädten. Zahlreiche Kirchen und Klöster prägen bis heute das Stadtbild, wenngleich im Laufe der Zeit ihr Erscheinungsbild verändert wurde. In seiner 1708 publizierten Beschreibung der Residenzstadt nennt Johann Bergenelsen Eisenach eine "ziemlich starck bewohnte" Stadt mit rund 15.000 Einwohnern, spätere Chronisten gingen von etwa der Hälfte aus. Anschaulich berichtet der Straßburger Orgelbauer Johann Andreas Silbermann, der vom 28. Februar auf den 1. März 1741 in Eisenach Station machte, in seinem Reisetagebuch, dass wie in Gotha "fast alle 60 schriet 3eckigte blechene laternen" standen, die nachts angezündet wurden. Für die Alltagskleidung der Eisenacherinnen fand er allerdings weniger schmeichelhafte Worte: "Die tracht der Weibsleuthe sieht recht alber aus, sie lauffen alle mit schwartzen Mändeln |: es mag regnen oder nicht :| wie in Straßburg die Gardner haben, und meistens baarfuß, auf den Köpffen haben sie dicke peltzlappen."

Bildnachweis:
Graphik Bach-Archiv Leipzig
Foto Lutherhaus: Dr. Markus Zepf (Juni 2019)

Ohrdruf – Eifriger Schüler seines Bruders

Im Alter von zehn Jahren wurde Johann Sebastian Bach 1695 Vollwaise. Gemeinsam mit seinem drei Jahre älteren Bruder Johann Jacob Bach zog er von seiner Geburtsstadt Eisenach ins etwa 40 Kilometer entfernte Ohrdruf, wo der älteste Bruder Johann Christoph seit 1690 als Organist an der Stadtkirche St. Michaelis wirkte. Während Johann Jacob im folgenden Jahr nach Eisenach zurückkehrte und beim Nachfolger seines Vaters eine Lehre als Stadtpfeifer begann, besuchte Johann Sebastian bis Frühjahr 1700 die Ohrdrufer Lateinschule.

Die Michaeliskirche in Ohrdruf hatte eine lange Tradition. Bereits um 725 stiftete der Missionar Bonifatius an den Ufern der Ohra ein Kloster nebst einer dem Erzengel Michael geweihten Kapelle. Sie wurde zum Zentrum der Siedlung, die 1390 die Stadtrechte erhielt. Die Grafen von Gleichen regierten bis 1631 in Schloss Ehrenstein, nach deren Aussterben fiel die Herrschaft mit der Stadt Ohrdruf an die Linie Hohenlohe-Neuenstein. Die 1747 datierte Federzeichnung des Ingenieur-Hauptmanns Johann Zacharias Krieg beschreibt die Aufteilung der Stadt in vier Quartiere und nennt insgesamt 775 Häuser, die Langenburgischer, Neuensteinischer oder gemeinsamer Besitz sind.

Am 3. Januar 1736 führten Johann Christoph Bach jun. und sein jüngerer Bruder Johann Bernhard Bach anlässlich einer Hochzeit die Kantate Dem Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen auf, die mit großer Wahrscheinlich mit Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 195.1 identisch war.

Stadtbrände zerstörten 1753 und 1808 große Teile der Innenstadt mitsamt Teilen der Aktenüberlieferung. Weitere Zeugnisse der Bach-Zeit vernichtete der Zweite Weltkrieg.

Bildrechte Landesarchiv Baden-Württemberg – Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein (Sign. GA 100 Nr. 1129)

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